Wie ein wunderschönes Land langsam unter die Räder des Massentourismus gerät.
Ich fahre seit ungefähr 17 Jahren nach Kroatien. Bis auf die meisten Inseln kenne ich in Dalmatien so ziemlich alles: die Küste, die Städte, die Campingplätze, die Buchten und wahrscheinlich auch jeden zweiten Kiesel persönlich.
Und eines muss man festhalten: Das Land ist nach wie vor wunderschön. Das Meer ist großartig. Die Landschaft sowieso. Die Kroaten sind durch die Bank freundlich, hilfsbereit und angenehm unkompliziert.
Das Problem ist nicht Kroatien.
Das Problem ist das, was inzwischen darübergeschüttet wird: eine europäische Urlauberkarawane aus Wohlstandsverwahrlosten, Smartphone-Zombies, grenzenlosen Kindern, überforderten Eltern und gastronomischen Wegelagerern, die sich gemeinsam durch die Adriaregion schiebt wie eine schlecht organisierte Völkerwanderung mit Sonnenöl.
Willkommen in Kroatien 2026.
Das Meer ist türkis. Der Mojito besteht aus Sirup. Und für 45 Euro pro Nacht darfst du morgens vor einem stinkenden Scheißhaus Schlange stehen.
DAS PARADIES UND SEINE PLAGEGEISTER WOHLSTANDSVERWAHRLOSUNG AM MITTELMEER
Bis auf ein paar erfreuliche Ausnahmen sieht man überall dasselbe Bild: wohlstandsverwahrloste Urlauber mit ihrem Nachwuchs, der aus dem Vollen schöpft, keine Grenzen kennt und bereits im maximalen Smartphone-Zombie-Modus hängt.
Die Kinder haben alles: Spielzeug, Tablet, Smartphone, Markenkleidung, Hüpfburgen, Eis, Animation und vermutlich psychologische Betreuung, falls die Kugel Stracciatella für schlappe 3 Euronen nicht exakt rund ist.
Was sie nicht haben: Grenzen, Langeweile oder irgendeinen Grund, mit anderen Menschen normal zu reden.
Teenager gingen früher am Abend auf die Piste, um Gleichaltrige kennenzulernen. Man sprach miteinander, blamierte sich, bekam einen Korb, soff einen zu viel und wachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und einer brauchbaren Geschichte auf.
Heute sitzen sie nebeneinander und starren ins Handy. Keiner redet. Jeder fotografiert sich selbst. Das echte Leben dient nur noch als Rohmaterial für Instagram.
Der moderne Mensch fährt ans Meer, um dort auf dem Bildschirm zu kontrollieren, ob andere Menschen ebenfalls am Meer sind.
Fortschritt, du geile Sau.
ELTERNSCHAFT ALS PÄDAGOGISCHER DAUERPODCAST
Besonders auffällig waren junge Eltern, die ihren Kindern den gesamten Tagesablauf moderierten. Jeder Stein wurde erklärt. Jede Welle emotional begleitet. Jeder Wutanfall musste auf Augenhöhe ausdiskutiert werden.
„Wie fühlst du dich gerade Anna-Sophie als du dich in den Campingsessel setzte? Möchtest du über deine Bedürfnisse sprechen? Was macht diese Erfahrung mit dir?“
Das Kind möchte vermutlich einfach nur eine Runde pennen. Aber vorher beginnt ein 40-minütiges Familienseminar über Grenzen, Gefühle und den Unterschied zwischen dem flauschigem Sofa zuhause und einem schnöden Campingsessel der halt den verweichlichten Arsch des Kindes nicht so konfortabel bettet.
Die Eltern haben den ganzen Tag das Maul offen und erklären das Leben zu Tode, während ihnen der Nachwuchs komplett entgleitet. Autorität wurde abgeschafft. Konsequenzen gelten offenbar als schwarze Pädagogik. Ein einfaches „Nein“ könnte schließlich ein fucking Trauma auslösen.
Also wird verhandelt, moderiert und reflektiert, bis das Kind gewonnen hat und die Eltern aussehen, als hätten sie gerade eine Nachtschicht im offenen Vollzug hinter sich.
Die meiste dieser GenZ Eltern laufen tätowiert, breitbeinig und mit grimmigem Gesicht herum, fahren dicke schwarze Autos und scheitern daran, einem Siebenjährigen zu erklären, dass er jetzt keine dritte Kugel Eis bekommt.
Außen Rocker.
Innen Elternbeirat.
DER NACHWUCHS HÄNGT AM ROUTER
Auf einem kleinen Campingplatz wohnte eine niederländische Familie: Mutter, erwachsene Tochter und zwei Buben. Der jüngere Sohn war Zocker. Sobald das WLAN ausfiel, verwandelte er sich in einen digitalen Berserker. Offenbar war sein Nervensystem direkt mit dem Router verbunden.
Internet weg.
Kind kaputt.
Der ältere Bruder langweilte sich wiederum zu Tode, weil es dort außer Meer, Landschaft und Wirklichkeit nichts zu tun gab.
Eine Zumutung.
Die Mutter und die erwachsene Tochter machten sich morgens ausgehfertig und saßen anschließend den ganzen Tag bei ein paar Kroaten in der Konoba am Strand. Währenddessen stritten die beiden Buben oben auf dem Platz.
Familienurlaub 2026: Mutter in der Konoba. Tochter ebenfalls. Der eine Sohn im WLAN-Entzug. Der andere im Langeweilekoma.
Nach drei Tagen fuhren wir weiter.
Man muss nicht bei jedem gesellschaftlichen Zusammenbruch bis zum Abspann bleiben.
MEIN STELLPLATZ GEHÖRT EIGENTLICH AUCH DIR
Auf demselben kleinen Campingplatz gab es nur vier Stellplätze. Alle waren belegt.
Plötzlich tauchte eine Niederländerin auf, Mitte dreißig, großflächig tätowiert und mit der Ausstrahlung einer offenen Betriebskostenabrechnung. Neben ihr stand ein dünner Begleiter, der wirkte, als wäre er bei der Buchung versehentlich mitgeliefert worden.
Sie erklärte uns, wir sollten alle zusammenrücken, damit sie sich ebenfalls noch irgendwo hineinpressen könne.
Natürlich.
Warum sollte ein voller Platz voll sein, wenn sie gerade angekommen ist?
Die Franzosen und wir stellten uns blöd. Eine bewährte europäische Verteidigungsstrategie.
Sie versuchte es mehrmals. Sie redete, gestikulierte und wurde zunehmend wütend. Wir blieben bei der offenbar völlig radikalen Position, dass vier belegte Stellplätze eben vier belegte Stellplätze sind.
Irgendwann zog sie mit ihrem Beistellmann wieder ab.
Manche Menschen betreten einen Ort nicht. Sie melden Besitzansprüche an. Sie haben gelernt: Das eigene Bedürfnis ist ein Menschenrecht, Widerstand ist Diskriminierung und wenn kein Platz vorhanden ist, müssen eben die anderen kleiner werden.
DER RADWEG DER LEBENDEN TOTEN
Wir waren viel mit dem Rad unterwegs. In den meisten kroatischen Orten an der Küste kannst du kilometerlang an den Stränden entlang zischen. Grundsätzlich ein Hochgenuss und klingt gesund, bis man auf moderne Fußgänger trifft.
Du fährst gut sichtbar auf der rechten Seite. Von vorne kommt dir jemand entgegen, das Smartphone direkt vor der Fresse. Er schaut nicht nach links. Er schaut nicht nach rechts. Er schaut auch nicht nach vorne.
Er schaut in sein Gerät dass ihn wie es schein komplett hypnotisiert und im Griff hat.
Du klingelst.
Nichts.
Du klingelst noch einmal.
Keine Reaktion.
Meistens muss ein anderes Familienmitglied eine Warnung herausschreien, damit der Smartphone-Zombie nicht frontal in dein Fahrrad läuft. Das periphere Sichtfeld wurde offenbar aus Kostengründen weg rationalisiert.
Besonders absurd wird es, wenn Kinder ihre eigenen Eltern im letzten Moment zur Seite reißen müssen. Die Erwachsenen sind blind und taub. Das Kind dient als analoges Kollisionswarnsystem.
Andere Kinder schießen wiederum ohne Vorwarnung seitlich auf den Radweg. Die Eltern bemerken nichts, weil sie vermutlich gerade ein YouTube-Video über achtsame Erziehung anschauen.
Die Wege am Meer sind ungefähr drei Meter breit und werden gemeinsam von Fußgängern und Radfahrern genutzt. Eine normale Familie schafft es trotzdem, die gesamte Breite zu blockieren.
Sie gehen nicht einfach nebeneinander.
Sie bilden eine mobile Straßensperre.
Kommt eine zweite Großfamilie aus der Gegenrichtung, treffen zwei menschliche Schrankwände aufeinander. Du klingelst. Alle schauen verwirrt. Dann beginnt das Ausweichmanöver in Zeitlupe.
Einer geht nach links. Der andere ebenfalls. Ein Kind bleibt in der Mitte stehen. Die Oma dreht sich einmal vollständig im Kreis. Der Vater schaut weiter aufs Handy. Und irgendwo versucht ein Hund, sich mit der Leine selbst zu strangulieren.
Slapstick am Meer.
Immerhin, und das muss man hier unten hoch anrechnen es schimpfte kaum jemand. Die Leute schauten nur blöd, gingen langsam zur Seite und ließen uns vorbei.
Das ist wahrscheinlich die friedlichste Form des gesellschaftlichen Totalausfalls.
MAKARSKA: MENSCHENAUFLAUF MIT SONNENÖL
Makarska ist der Endgegner.
Dort sitzt einer auf dem anderen. Am Strand. Auf der Promenade. Im Restaurant. Und vermutlich auch auf dem Klo, falls gerade eines frei ist.
Polen, Slowaken, Tschechen, Slowenen, Deutsche, Niederländer, Belgier, Franzosen, Italiener und ein paar Österreicher dazwischen, die das Elend fachgerecht kommentieren.
Die UNO des Massentourismus.
Nur ohne Diplomatie, dafür mit Badelatschen gegen zickige Seeigel.
An manchen Stellen wurde Kies aufgeschüttet. Grundsätzlich eine gute Idee. Der Strand sieht schöner aus, das Wasser bekommt eine herrliche Farbe und der Zugang zum Meer wird angenehmer.
Nur wurde der Kies nicht überall flächendeckend verteilt. Manchmal gibt es lediglich einen schmalen Streifen.
Und genau dort sammeln sich alle.
Die einen wollen hinein. Die anderen wollen heraus. Dazwischen stehen, großteiles ziemlich dicke Menschen herum, als hätten sie gerade vergessen, warum sie überhaupt ans Meer gegangen sind.
Ein menschlicher Flaschenhals aus Schwimmnudeln, Sonnenhüten und zu viel Frühstücksbuffet.
Auf dem Wasser liegt eine eigene Schicht Sonnenöl. Man weiß nicht, ob man schwimmen oder eine Umweltprobe ziehen soll.
Fünfzig Meter weiter liegt fast garantiert eine aufblasbare Wasserhüpfburg.
Denn selbst das Meer darf heute nicht einfach Meer sein. Es muss bespielt, beschallt und monetarisiert werden.
Natur allein bringt schließlich keine Rendite.
DER TOURISTISCHE MELKSTAND DER EURO KAM, DIE LEISTUNG GING
Noch vor der Euro-Einführung diskutierte ich öfter mit Kroaten. Ich sagte ihnen, dass sie gerade ihre Seele verkaufen würden. Danach würden die Preise steigen, die Schulden wachsen und der Ausverkauf des Landes durch den europäischen Apparat Fahrt aufnehmen.
Viele stimmten mir zu.
Und heute?
Eine Kugel Eis kostet 2,50 Euro. Teilweise bereits drei Euro.
Drei Euro für eine verdammte Kugel Eis.
Vor wenigen Jahren kostete sie ungefähr 80 Cent. Die Kugel ist nicht dreimal so groß. Die Kuh wurde nicht persönlich massiert. Das Eis wird auch nicht von dalmatinischen Jungfrauen bei Vollmond gerührt.
Es ist dieselbe Kugel.
Nur jetzt in europäischer Leitwährung und mit amtlich genehmigtem Größenwahn.
Seit dem Ende der Kuna sind die Preise flächendeckend explodiert. Essen gehen ist deutlich teurer geworden.
Die Qualität?
Nicht besser.
Die Portionen?
Kleiner.
Der Service?
Oft schlechter.
Das Personal wirkt vielerorts überfordert, die Wartezeiten werden länger und der Gast darf dankbar sein, wenn irgendwann überhaupt etwas Essbares auf dem Tisch landet.
Früher stand hinter dem Lokal ein richtiger Griller. Fisch drauf. Fleisch drauf. Feuer darunter. Fertig.
Heute wandert alles in die Fritteuse oder in den Wok. Heiß machen. Soße darüber. Ein Petersilienblatt als optisches Alibi.
28 Euro.
Die Lokale sind trotzdem knackevoll. Solange die Kundschaft weiterkommt, weiterbestellt und weiterzahlt, gibt es für die Betreiber keinen Grund, irgendetwas zu verbessern.
Der Markt regelt das schon.
Meistens gegen den Gast.
45 EURO FÜR DAS STINKLOCH
Besonders eindrucksvoll sind inzwischen die Toiletten auf den Campingplätzen. Dass die Scheißhäuser eng sind und darin Saunatemperaturen herrschen, kannten wir bereits.
Inzwischen schaffen es aber selbst relativ neue Plätze nicht mehr, eine Kloschüssel in die Mitte der Kabine zu setzen. Sie steht seitlich irgendwo an der Wand, als hätte der Installateur während der Montage einen Schlaganfall bekommen. Du sitzt mit gequältem Blick in der Früh auf diesem Lokus und drückst dir die morgendliche Kackwurst aus dem Poloch und bist froh, dass du dir nicht die Ärmel aufscheuerst und danch einen Tetanusspritze brauchst. Tür zusperren war gestern. Die Plastiktüren die sie überall verbauen sind sicher im Kongo entwickelt, gebaut und als sehr schlecht eingestuft worden. Danach haben sie die alle auf einen alten Fischkutter gepackt der den ganzen Krempel Richtung Kroatien brachte und dort haben sie vor der kroatischen Küste in einer Nacht- und Nebelaktion den ganzen Dreck ins Meer geworfen. Dort wurden sie von der hiesigen Baumarktkette aus dem Meer gefischt und nun sehen wir diesen Plastikmüll ohne Türschloss in allen kroatischen Scheißhäuser.
Klopapierhalter?
Überbewerteter Luxus.
Das Papier steht auf dem Spülkasten, bis irgendein dämliches Kind die Rolle ins Klo wirft und davonläuft. Danach stellt ein anderer Spezialist die vollständig durchtränkte Rolle wieder zurück.
Der Nächste, der kacken muss, hat Pech. Oder er verwendet das nasse Papier und bekommt gratis ein Erlebnis, das er bis an sein Lebensende nicht mehr vergisst.
In der Dusche befindet sich ein Loch mit ungefähr fünf Zentimeter Durchmesser. Das Abwasser läuft in irgendeinen Behälter darunter. Daraus stinkt es fürchterlich. Offenbar landet auch die Scheiße dort.
Wellnessurlaub an der Adria:
Meerblick draußen.
Güllegrube drinnen.
Auf einem Platz mit ungefähr 25 Stellplätzen gab es gerade einmal zwei Damen- und zwei Herrentoiletten. Keine Pissoirs.
Um halb acht in der Früh stehst du bereits Schlange und verkneifst dir das Pissen, während hinter dir weitere Männer nervös von einem Bein aufs andere steigen.
Der Platz kostete schlappe 45 Euro pro Nacht.
Ich sprach den Geschäftsführer auf die Zustände an. Er zuckte nur mit den Schultern und sagte, die Kroaten legten darauf eben keinen Wert.
Eine bemerkenswert ehrliche Geschäftsphilosophie:
Wir legen keinen Wert darauf.
Sie zahlen trotzdem.
DER DRECK VERTEILT SICH VON SELBST
Das Problem mit den Sanitäranlagen zieht sich mittlerweile durch viele Campingplätze. Reinigungspersonal fehlt. Geputzt wird vielleicht einmal täglich, falls gerade jemand daran denkt und der Mond richtig steht.
Natürlich tragen auch die Camper ihren Teil dazu bei. Manche verlassen eine Toilette, als hätten sie darin ein Nutztier notgeschlachtet.
Da wird Papier auf den Boden geworfen, Wasser überall verteilt und die Schüssel dekoriert, als liefe ein Wettbewerb für angewandte Fäkalexpression.
Wo Putzpersonal vorhanden ist, wird oft gemütlich getratscht. Dann fährt jemand zweimal mit einem grauen Wischmopp über den Boden und verteilt den Dreck gleichmäßig von links nach rechts.
Fertig.
Desinfektion durch Umverteilung.
Der Betreiber spart beim Personal. Die Gäste benehmen sich wie Schweine. Die Preise steigen.
Europäische Arbeitsteilung.
VIER NÄCHTE ERGEBEN FÜNF NÄCHTE
Auf einem anderen Platz führte eine ältere Dame das Geschäft. Sie war sehr nett und freundlich, hatte aber ein eigenes Verhältnis zur Mathematik.
Wir waren vier Nächte dort.
Als wir am Vorabend der Abreise zahlen wollten, verrechnete sie uns fünf Nächte.
Wir zählten an den Fingern nach: Ankunft. Erste Nacht. Zweite Nacht. Dritte Nacht. Vierte Nacht. Abreise.
Vier Nächte.
Eigentlich keine höhere Mathematik. Eher Vorschulstoff mit Wohnmobil.
Zur Sicherheit zeigten wir ihr sogar die Rechnung des vorherigen Campingplatzes. Darauf standen dieselben An- und Abreisetage.
Vier Nächte.
Sie blieb bei fünf.
Wir ebenfalls.
Es wurde diskutiert, gestikuliert und ein wenig auf Kroatisch geflucht. Kurzzeitig wirkte es, als würden wir nicht über eine Campingrechnung, sondern über historische Grenzverläufe auf dem Balkan verhandeln.
Später verstanden wir ihr Rechenmodell: Die Dame rechnete nicht nach Nächten. Sie rechnete nach Tagen.
Ankunftstag: zahlen.
Jeder weitere Tag: zahlen.
Abreisetag: selbstverständlich ebenfalls zahlen.
Vier Nächte ergeben fünf Kalendertage. Und fünf Tage verwandeln sich in der Campingmathematik in fünf Übernachtungen.
Man bezahlt also nicht nur dafür, dass man irgendwo schläft. Man bezahlt auch dafür, dass während der eigenen Anwesenheit die Sonne mehrmals auf- und untergeht.
Zeit ist Geld.
Selbst wenn man zu dieser Zeit längst auf der Autobahn ist.
DER 14,50-EURO-MOJITO DES GRAUENS
Da wir grundsätzlich immer auf kleine Plätze sind und es daher fast nie eine Infrastruktur dort gibt, schoben wir auf unserer Reise auch Makaska ein. Makaska ist quasi so wie Lignano. Wir wollten in Makarska abends auch einmal in eine Disco oder zumindest in eine Bar mit Musik. Direkt am Meer fanden wir einen Schuppen, der von außen halbwegs brauchbar aussah.
Beim Eingang stoppte mich zunächst ein Türsteher, musterte mich, fand mein T-Shirt mit einem Bär der als DJ fungierte cool und ließ mich dann gnädigerweise aber doch hinein. Hier hätte ich bereits stutzig werden sollen. Drinnen saßen hauptsächlich Teenager.
Alle mit dem Handy beschäftigt.
Keiner redete.
Die freien Tische waren angeblich reserviert. Der Kellner schickte uns nach hinten in den Garten. Dort merkten wir sofort, dass wir am touristischen Katzentisch gelandet waren.
Weit weg von der Musik.
Weit weg vom Geschehen.
Eigentlich schon im Nachbarbezirk. Quasi das Abstellgleis wo sie sie die Pensionisten parken. Also gingen wir wieder hinein. Plötzlich erschien der Geschäftsführer höchstpersönlich und genehmigte uns einen kleinen Tisch seitlich in der Hütte.
Audienz gewährt.
„Unsere Demokratie“ funktioniert eben auch im Nachtleben: Zuerst wirst du aussortiert, danach sollst du für den Abstellplatz dankbar sein.
DESIGNERBAR, ABER KEINER KENNT DAS REZEPT
Der DJ wirkte wie der Endgegner aus einem billigen Balkan-Techno-Computerspiel. Eher sag er aus wie ein Taliban. Die Soundanlage hatte keinen Bass. Sie produzierte nur mittiges Gequake, als würde jemand einen Betonmischer mit einer Casio-Tastatur verprügeln.
Egal.
Wir bestellten zwei Mojitos.
Preis pro 1/4 Liter Glas: Schlappe 14,50 Euroletten.
Natürlich ist das Wegelagerei. Aber wir dachten uns: Wenn das angeblich die hippste Hütte in Makarska ist und der Drink richtig gut gemacht wird, dann scheiß drauf. Man gönnt sich ja sonst nix.
Dann kam das Getränk des Grauens.
Billiges Limettensirup aus dem Supermarkt. Sodawasser. Ein Schuss Bacardi. Drei mikroskopisch kleine Minzfitzel. Keine echte Limette.
Oben drauf ein Plastikschirmchen als Grabdekoration für jeden gastronomischen Anspruch.
Hinter einer riesigen, mit LEDs durchgestylten Designerbar standen mindestens vier junge Barkeeper.
Optisch schwer auf dicke Hose gemacht.
Fachlich vier leere Flaschen mit Puls.
Ich ging zum Kellner und fragte ihn, ob er eigentlich wisse, aus welchen Zutaten ein Mojito gemacht wird.
Er schüttelte den Kopf.
Das muss man erst einmal schaffen: in einer Bar arbeiten, 14,50 Euro für einen Mojito verlangen und keine Ahnung haben, was hineingehört. Das ist ungefähr so, als würde ein Mechaniker fragen, wozu dieses runde Ding namens Reifen gut sein soll.
Für alle die nicht wissen wie ein Mojito geht. Das Internet sagt es dir. Aber er besteht aus Limetten, braunen Zucker, Havana Club Rum, Minze, Crushed Ice und Soda.
Der Kellner verwies mich an den Geschäftsführer. Also stellte ich dem dieselbe Frage.
Auch er schüttelte den Kopf.
Führungskompetenz in Reinform: Der Kellner weiß nichts. Der Chef weiß ebenfalls nichts. Aber die Preisliste kennt selbstverständlich keine Unsicherheit.
Der Geschäftsführer nahm den Drink und ging damit zur Bar. Kurz darauf kam der Kellner, entschuldigte sich und gab uns 30 Euro zurück.
30 Euro.
Obwohl zwei Drinks eigentlich 29 Euro gekostet hätten.
Vielleicht waren der zusätzliche Euro Schmerzensgeld. Oder der Geschäftsführer konnte tatsächlich nicht rechnen. Damit hätte sich zumindest der Kreis zu den fünf Campingnächten geschlossen.
DAS EIGENTLICHE GESCHÄFTSMODELL
Wir gingen anschließend in eine kleine Bar. Dort passte alles. Der Mojito war richtig gemacht und kostete neun Euro.
Ich erzählte dem 19-jährigen Kellner die Geschichte. Er kannte den anderen Laden natürlich.
Dann erklärte er uns dessen Geschäftsmodell: Ältere Männer reservieren die Tische. Junge Gäste kommen dorthin, lassen sich teure Drinks spendieren und spielen dazu ein bisschen mondänes Nachtleben.
Zwei Stunden später fuhren wir noch einmal an der Hütte vorbei.
Alles bestätigt.
Der Laden war knackevoll. Teenager hüpften zwischen alten Säcken herum. Die Smartphones leuchteten. Die Plastikschirmchen kreisten. Und die Musik war noch immer genauso beschissen.
Alle spielten Nachtleben.
Nur gelebt hat dort offenbar niemand.
FAZIT: DAS PARADIES WURDE ERFOLGREICH VERMARKTET
Kroatien 2026 ist ein wunderschönes Land, das stellenweise unter einer dicken Plastikhaube aus Massentourismus, Smartphone-Verblödung und europäischer Preisgestaltung verschwindet.
Das Meer ist noch immer großartig. Die Landschaft ist noch immer beeindruckend. Die Kroaten sind noch immer freundlich.
Aber rundherum wächst der touristische Strafplanet.
Die Jugend starrt ins Display. Die Eltern reden sich um jede Autorität. Die alten Säcke reservieren die Tische. Der Betreiber kassiert 14,50 Euro für Sodawasser mit Sirup. Der Campingplatz verlangt 45 Euro für ein Stinkloch. Und eine freundliche Dame verwandelt vier Nächte durch bloßes Zählen in fünf.
Niemand muss sich mehr Mühe geben, solange die Massen trotzdem anrollen.
Das ist der eigentliche Kern der Sache.
Die Lokale sind voll.
Die Campingplätze sind voll.
Die Strände sind voll.
Die Kassen ebenfalls.
Nur in den Köpfen wird es zunehmend übersichtlich.
Mein persönliches Fazit nach Kroatien 2026:
Das Land hat seine Seele noch nicht vollständig verkauft. Aber sie steht bereits mit Preisschild im Schaufenster, direkt neben dem 14,50-Euro-Mojito und der nassen Klopapierrolle. Und wenn der Apparat erst begreift, dass sich sogar der Gestank aus dem Duschabfluss als „authentisches Adria-Erlebnis“ vermarkten lässt, kostet das Stinkloch im nächsten Jahr garantiert Eintritt.
Wenn dir der Artikel gefallen hat, dir ein Schmunzeln, Kopfschütteln oder einen kleinen Nervenzusammenbruch beschert hat – genau so war’s geplant.
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