Das Immobilien-Kasperltheater „#TheREAL100under40“

1. Die Inszenierung (Was wir sehen)

Mitten in einer Phase, in der der Immobilienmarkt durch gestiegene Zinsen, verschärfte Kreditvergaberichtlinien (KIM-Verordnung) und die Pleite monumentaler Branchen-Riesen (Stichwort Signa) massiv im Seil hängt, mietet man das Wien Museum an. Man wirft die Kamera an (LEADERSNET.tv), erfindet englische Pseudo-Titel wie „Hundredunderforty“ und kürt 100 „Ambassadors“ unter 40 Jahren, die „die Zukunft gestalten“.

2. Psychologische Analyse (Warum sie das inszenieren)

Hinter der Fassade aus Champagner, „Wir sind so erfolgreich“-Vibe und hochglanzpolierten Phrasen steckt eine tiefenpsychologische Dynamik, die man in drei Akte unterteilen kann:

A. Das „Titanic-Orchester“-Phänomen (Verdrängung durch Lärm)

  • Die Realität: Der Markt für den normalen Bürger ist tot. Niemand unter 40 kann sich im Moment ohne Erbe oder Millioneneinkommen eine Wohnung in Wien oder Niederösterreich kaufen. Die Branche leidet unter akutem Transaktionsmangel.
  • Die Psychologie: Wenn das Geschäft wegbricht, muss zumindest der Status gerettet werden. Die Gala fungiert als Beruhigungspille für das eigene Ego. Man feiert sich gegenseitig, um das dumpfe Gefühl der eigenen Irrelevanz in einer stagnierenden Wirtschaft zu übertönen. Es ist das Pfeifen im dunklen Wald – nur mit Sektglas in der Hand.

B. Die „Gutmensch-Transformation“ der Gier

  • Die Realität: Immobilienwirtschaft bedeutete in den letzten 15 Jahren vor allem eines: Durch die Nullzinsphase billiges Geld abgreifen, Beton in den Himmel ziehen und die Preise künstlich nach oben treiben.
  • Die Psychologie: Im Text wird das Wort „Geld“ oder „Profit“ komplett vermieden. Stattdessen wird die Branche psychologisch umgedeutet in eine altruistische Retter-Vereinigung. Da fallen Begriffe wie „Verantwortungsbewusstsein“„Nachhaltigkeit“„Exzellenz“ und „Wandel aktiv gestalten“. Das ist die psychologische Reinwaschung (Greenwashing des Egos). Man verkauft sich nicht mehr als Makler, der Provisionen abgreift, sondern als „Visionär, der die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft sichert“.

C. Der Jugend-Kult als Verzweiflungstat (Infantilismus)

  • Die Realität: Die alten Hasen der Branche haben den Karren in den letzten Jahren strategisch ziemlich an die Wand gefahren.
  • Die Psychologie: Jetzt holt man die „Unter-40-Jährigen“ vor den Vorhang und nennt eine Kategorie sogar „Newcomer:in des Jahres“ (mit einer Firma namens „eugen!“, weil das Ausrufezeichen so schön dynamisch wirkt). Das ist die Flucht in die Jugendlichkeit. Man suggeriert den Investoren und Banken: „Schaut her, wir sind nicht alt, verstaubt und pleite – wir sind jung, hip, digital und haben PropTech!“ Es ist der verzweifelte Versuch, einer krisengeschüttelten Branche das Image eines dynamischen Silicon-Valley-Startups überzustülpen.

Das Bullshit-Zertifikat (Die sprachliche Analyse)

Wenn man die Zitate des Initiators zerlegt, sieht man die absolute Kapitulation des Inhalts vor der Form:

„Fortschritt entsteht dort, wo Erfahrung auf neue Denkweisen trifft.“

  • Linguistischer Befund: Ein perfektes Tautologie-Dilemma. Es klingt wie ein Kalenderspruch aus dem Management-Seminar, hat aber den Nährwert von einer Reiswaffel.
  • Sociolect-Deconstruction: Übersetzt heißt das: „Wir wissen im Moment auch nicht, wie wir die Buden bei den aktuellen Zinsen an den Mann bringen sollen, also hoffen wir, dass die Jungen irgendeine App erfinden, die das Problem wegzaubert.“

https://www.leadersnet.at/news/100752,die-besten-immobilienexperten-unter-40-jahren-wurden-gekuert.html


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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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