Wie man sich in den sozialen Medien selbst zum Messias erklärt

Vom „Homo abwesikus“ bis zum Yoga-Püppchen: Die Inflation der Erleuchteten

Geschwister im Geiste, Mitstreiter im Kaninchenbau,

wir müssen wieder einmal reden. Und zwar über die größte, am besten finanzierte Selbsthilfegruppe der Menschheitsgeschichte: die sozialen Medien. Wer heute mit offenen Augen durch die Timelines scrollt – auch hier auf Substack – oder das Pech hat, nach drei Sekunden unachtsamer Bewegung in den Schlund der YouTube-Shorts zu geraten, blickt nicht mehr in eine Zivilisation. Er blickt in ein digitales Sanatorium, in dem die Insassen die Leitung übernommen haben.

Es ist das goldene Zeitalter der Selbst-Heiligsprechung.

Das Prinzip ist simpel: Du hast dein eigenes Leben nicht im Griff? Das System wackelt im Außen und du spürst die Angst? Dann ändere verdammt noch mal nicht dich oder die Welt da draußen, betreibe nur keine Ursachenforschung und schalte bloß nicht den Kopf ein. Nein, erkläre dich einfach selbst zum Erleuchteten über den Dingen und verkaufe den anderen Insassen deine persönliche Rettungsinsel.

Der Jahrmarkt ist voll von meistens diesen drei Prototypen der systemischen Beschäftigungstherapie:

1. Die Achtsamkeits- und Yoga-Püppchen: Das Business mit dem Kakao-Koma, Lavendel und Thai-Latte

Da haben wir die Fraktion „Feiner Fühlen“. Meistens Frauen, die die letzten 15 Jahre im seichten Gewässer des Corporate Life oder des reinen Konsums verbracht haben. Jetzt, wo der Druck steigt, flüchten sie nicht in den Widerstand, sondern radikal nach innen – in den „emotionalen Keller“.

Weil sie aber nie gelernt haben, echte Krisen zu bewältigen, wird jede banale Alltagsfunktion plötzlich zu einem kosmischen Meilenstein erhoben. 

Die Periode setzt ein? „Wow, mein Körper zeigt mir ganz klar, was dran ist: Weniger tun.“(Ein biologischer Standardprozess als exklusive Botschaft des Universums). 

Die Steuererklärung steht an? „Die gestalte ich mir so freudvoll wie möglich im Garten mit einem leckeren biodiversen In-Getränk.“ Gekleidet im obligatorischen Cord-Latzhosen-Look und ungeschminkt, wird hier plötzlich maximale Bodenständigkeit inszeniert.

Online wird die Welt umarmt, im realen Leben schlägt diese aufgesetzte Sanftmut sofort in hochnäsige Unnahbarkeit um. Warum? Weil diese künstliche Naivität eine Schutzmauer ist. Sie generieren ein Problem („ich bin zu feinfühlig für diese Welt“), um die Lösung zu verkaufen: 1:1-Online-Coaching im Hochbeet. Es ist die totale Privatisierung von Systemproblemen. Sie dekorieren ihre Zelle im digitalen Gulag mit Apfelbäumen und Lavendelduft und glauben durch ein täglich mehrmals gegrunztes „Namastei“, sie wären frei.

2. Der „Homo abwesikus“: Die Apathie als Empathie getarnt

Das männliche Gegenstück dazu sitzt im Wartezimmer des Mainstreams oder hockt am Lagerfeuer im selbsternannten „Flow Valley“. Weich, konturlos, den Bart und Dutt als mühsame Maske, um dem Gesicht eine Struktur zu geben, die von innen heraus – durch Charakter oder Lebenskraft – längst fehlt.

Da wird sich die Cortison-Therapie gegen die Frühjahrsmüdigkeit eingeschmissen, das chemische „Wach-Wach-Wach“ auf Substack gefeiert und sich unendlich erhaben gefühlt, weil man einem Kind beim Rechnen von „8 minus 2“ zusieht, die Lösung kennt und dies als maximale Erhebung über die Materie klassifiziert. Daneben mutiert der Typus zum pseudointellektuellen „Geheimschüler“: Da werden tiefe Intuitionen zu „schillernden Seeleninhalten“ heraufbeschworen, Rudolf Steiner zitiert und hochtrabend über die Differenzierung von Spiritualität, Gender Studies und die bevorstehende Ankunft Ahrimans schwadroniert. Sie merken in ihrer Filterblase gar nicht mehr, wie gelähmt und handlungsunfähig sie eigentlich sind.

Er lässt sich vom trüben Wetter runterziehen, liest den politisch korrekten Mainstream-Roman und findet eigentlich alles „spannend“. Außer der echten Realität, die ihm von Zeit zu Zeit wie Thors Hammer einen Scheitel zieht. Diese Spezies ist der ideologische Puffer des Systems. Sie sind so sehr mit ihrem eigenen Befinden, ihren „intimen Erfahrungen“ und ihren „kleinen Erfolgen“ beschäftigt, dass sie den Untergang der Zivilisation direkt vor ihrer Nase nicht bemerken würden – solange die Pharmaindustrie pünktlich liefert und der Substack-Algorithmus frische Follower einspült.

3. Die Investment-Gurus: Die Keiler auf der Fake-Yacht

Und wenn die spirituelle Betäubung nicht zieht, kommt halt die Gier in uns. 

Die Werbungen von YouTube sind verstopft mit Investment-Coaches, bei deren erstem Satz einem schon schlecht wird. Das Schema ist immer gleich: Erst wird die Apokalypse an die Wand gemalt (z. B. „Das Bankensystem bricht zusammen!“), um die Logik der Leute mittels nackter Angst auszuschalten. Und im zweiten Satz folgt die Erlösung: „Eröffne zwei Auslandskonten über meinen Link!“ Als ob das globale Bankensystem nicht ohnehin am selben Tropf hängen würde.

Man müsste eigentlich nur eine einzige, völlig logische Frage stellen: Wenn du mit deinem System so unendlich reich bist, warum liegst du dann nicht auf deiner Yacht und genießt dein Leben, umringt von mehreren immer „willigen Frauen“, die ausschließlich „dich“ und nicht „dein Geld“ lieben, sondern keilst hier auf YouTube rund um die Uhr nach „frischem Fleisch“, um Online-Kurse für 1.999 Euro zu verscherbeln? Aber an diesem Punkt steigen 99 % der Masse schon aus. Sie erfinden zwanzig Ausreden für ihren Lieblingsbetrüger, weil sie die süße Lüge vom schnellen, mühelosen Reichtum brauchen. Ich hab das schon in meinem Abriss über die Krypto-Jünger seziert. Die Masse will halt belogen werden.

4. Die übergewichtige Ernährungsberaterin: Das Paradoxon der sichtbaren Ignoranz

Und dann betreten wir die Hallen der physischen Perversion. Du gehst auf eine sogenannte „Gesundheitsmesse“ oder scrollst durch die einschlägigen Kanäle und da steht sie: die selbsternannte „Ernährungscoachin“, die mit gut sichtbaren 40 Kilo Übergewicht eine Praxis für „ganzheitliche Gewichtsoptimierung und Metabolic-Balancing“ betreibt. Das ist die absolute Krönung der kognitiven Dissonanz.

Hier wird eine Dienstleistung verkauft, bei der die äußere Realität der Anbieterin im brachialen Widerspruch zu ihrer eigenen Lehre steht. Aber statt dass die Kundschaft – meistens selbst gefangen in der Spirale aus Industrie-Fraß und mangelnder Selbstdisziplin – schreiend das Weite sucht, passiert das Gegenteil: Sie rennen ihr die Bude ein und blättern Unmengen an Geld hin. Warum? Weil diese Beraterinnen genau das verkaufen, wonach die träge Masse lechzt: Die Ausrede.

Dort wird ihnen mit viel spirituellem Klimbim erzählt, dass ihr Übergewicht an den „bösen Genen“, dem „unreinen Karma“ oder einer „energetischen Blockade“ liegt – an allem, nur nicht an der simplen, beinharten Wahrheit der Biologie: Wer schlank sein will, muss verdammt noch mal die Hälfte fressen, den Zucker, das Mehl und den Alkohol und vor allem hoch verarbeiteten Industrie-Fraß aus der Fake-Bio-Wellnessecke weglassen. Dann klappt es vielleicht auch noch mit dem schlanken Fuß in diesem Leben. Aber die Wahrheit erfordert Tatkraft und Verzicht. Also bezahlt man lieber ein Vermögen, um sich von einer Leidensgenossin in der Knabber-Bubble trösten und professionell anlügen zu lassen. Eine Symbiose der Selbsttäuschung.

Der feine Unterschied: Kosmetik im Knast vs. Echte Transformation

Damit wir uns richtig verstehen: Ich will niemanden aus einer Laune heraus belehren. Jeder soll und darf so leben, wie er es für richtig hält. Mir geht es nicht um die einzelnen Menschen an sich, sondern um das Phänomen dahinter. Mir fällt auf, dass diese selbsternannten Erleuchteten überhaupt nicht wirklich frei sein wollen. Sie wollen den aktuellen digitalen Gulag nicht einreißen – sie wollen es sich darin nur möglichst bequem einrichten. Sie nehmen die Symptome des Verfalls und modellieren sie so zu ihren Gunsten um, dass sie am Ende als die Nutznießer dastehen. Das System bleibt dabei völlig unverändert; es geht ihnen ausschließlich um das eigene Wohlbefinden, den eigenen Reichtum und das Aufputschen des eigenen Egos. Sie bauen eine sterile Parallelwelt zur Realität auf, die sie der Masse dann als „angenehme Alternative“ verkaufen, die aber am großen Ganzen absolut nichts ändert.

Und genau hier liegt der Unterschied: Mich interessieren niemals die Symptome. Mich interessieren ausschließlich die Ursachen und die Frage, warum sich die Dinge in diese fatale Richtung entwickeln. Wenn eine Gesellschaft falsch abbiegt, möchte ich die großen Zusammenhänge aufzeigen – gar nicht so sehr nur um zu stören, sondern um Verständnis zu schaffen. Und wo Verständnis ist, biete ich bei Bedarf auch echte Lösungen für eine gemeinsam bessere Welt an. Doch nicht als irgendein Coach für Geld, sondern in einer offenen Diskussion. Und ich habe schon öfters in meinen Abrissen auch Lösungen geschrieben wie eine bessere Welt für uns alle ausschauen könnte.

Mein Antrieb ist nicht das eigene Ego. Mein Antrieb ist die Sehnsucht, irgendwann wieder in echte, glückliche Gesichter zu schauen, weil wir durch Erkenntnis und Transformation den Sprung aus der Matrix geschafft haben. Dazu zum Abschluss noch ein paar Gedanken aus der Vogelperspektive.

Das Fazit: Ein kollektiver Speicher voller Müll

Seit jedes Wischtelefon eine 4K-Kamera hat, haben die Dümmsten der Dummen die Deutungshoheit übernommen. Gigantische Serverfarmen werden in die Landschaft gehämmert, Flüsse für die Kühlung umgeleitet und reale Ressourcen verbrannt, nur um diesen unendlichen Datenmüll sekündlich zu speichern.

Warum lässt das System das zu? Weil es die perfekte energetische Beschäftigungstherapie ist. Ein überlasteter Speicher im Außen sorgt für einen komplett vernebelten Geist im Innen. Die einen lenken mit CO2 ab, die anderen mit der Menstruation im Hochbeet, die dritten mit Krypto-Charts. Hauptsache, niemand schaut hoch, stellt physikalische Grundfragen oder zieht durch konsequenten Konsumentzug den Stecker.

Viele werden sich nun fragen: Wie erkenne ich so einen Blender? Nun, ich würde sagen: Je mehr jemand versucht, sich selbst und vor allem seine Eigenschaften mittels wichtig klingender Buzzwörter zu verkaufen, desto weiter ist er oder sie von der wahren Erleuchtung weg. Ich nehme hier immer einen Vergleich mit der Nahrungsmittelindustrie her. Ein Stück Gemüse oder ein Steak braucht keine Erklärungen oder Werbung. Künstlicher, industrieller Müll muss – weil er so weit von der Natürlichkeit weg ist – mit maximalem Aufwand, Lügen und Buzzwörtern wie Bio, Natural, Vegan und dem ganzen Müll in die Köpfe der naiven, leichtgläubigen Menschen reingeprügelt werden.

Ich würde ja all diesen Wichtigtuern das Buch über das Ego von OSHO nahelegen. Doch würden sie nur im Ansatz fähig sein, dieses Buch sinnerfassend zu lesen, würden sie alle sofort ehrfürchtig ihre Accounts löschen und wir müssten uns den ganzen Schwachsinn nicht geben. Andererseits wäre auch ich dann arbeitslos und hätte nichts mehr zum Schreiben. Das ist halt der Strafplanet: Geben und Nehmen.

Diese selbsternannten Messiasse sind keine Heiler oder Retter. Sie sind die Event-Manager und freudvollen Verwalter des Untergangs, die die Naivität der Masse schamlos ausnutzen, um sich selbst zu sanieren.

Haltet euren Verstand scharf. Lasst euch nicht mit Pastelltönen, Schalmeienklängen, Krypto-Träumen oder Cortison abspeisen. Das echte Gold liegt in der Nüchternheit und im kompromisslosen Blick auf die Realität…

AMEN!


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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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