Österreichischer Wortspiel-Rückblick #25

Nachruf auf den gestrigen ESC in Wien.

„Heast oida, host da gestan den Songcontest aug’hurcht? Des hot nix mehr mit ana Musi zu tuan, sondern nur mehr a poar Deppade hupfen wie de Trottln umadum und jaulen zu an bum bum Beat.“

Ü: „Haben Sie gestern die Übertragung des Eurovision Song Contest verfolgt? Meines Erachtens entbehrte die Darbietung jeglichen musikästhetischen Anspruchs. Es handelte sich primär um die unkoordinierte rhythmische Akrobatik exzentrischer Laiendarsteller, untermalt von einem repetitiven, tieffrequenten elektronischen Rhythmus.“

Wiener Realitätskern:

Der Wiener schaltet den Fernseher ein, in der vagen Hoffnung, vielleicht ein bisserl seichte Unterhaltung oder zumindest eine Melodie (Schlager oder Schramm’l Musik) zu finden, die man nach drei Bier mitsingen kann. Stattdessen wird seine Netzhaut und seine Trompete im Innenohr von einer psychedelischen Reizüberflutung vergewaltigt, während ein panischer Synkopen-Beat seinen Herzschrittmacher aus dem Takt bringt.

Der Wiener sagt nicht einfach „Das gefällt mir nicht“. Das wäre zu billig. Er spricht dem gesamten Event die Existenzberechtigung als „Musi“ ab. „Musi“ ist im Wiener Universum heilig – das impliziert Handwerk, Herzschmerz und mindestens ein Akkordeon oder eine verstimmte Gitarre. Das visuelle und akustische Spektakel des ESC wird vom Wiener nicht als Kunst, sondern als kollektiver, epileptischer Anfall („hupfen wie de Trottln“) eingestuft. Er leidet kulturpessimistisch auf höchstem Niveau, schaltet aber – und das ist das fesselnde Paradoxon – trotzdem erst nach dem Voting ab, um sich danach beim Dorfwirt exzessiv darüber zu mokieren.

Sinn & soziale Funktion:

Der Satz dient im Wiener Kaffeehaus oder am Stammtisch als akustisches Schutzschild:

  • Sofortige soziale Distanzierung von globalisierten Trends (Man ist ja schließlich kein „Trottel“).
  • Akustische Selbstverteidigung gegen den akustischen Terror der Neuzeit.
  • Die Erhaltung des inneren Friedens durch die Feststellung, dass früher eben doch alles besser war (sogar der Song Contest).

Ü für Menschen mit Matura/Abitur:

„Die dargebotenen Performances offenbarten eine fortschreitende Diskrepanz zwischen visuellem Inszenierungsaufwand und inhärenter kompositorischer Substanz. Die auditive Ebene wurde zugunsten einer reizmaximierten, post-modernen Event-Ästhetik marginalisiert.“

2026 – LinkedIn Deluxe Management Edition:

„Gestern durften wir beim ESC wieder erleben, wie radikale Disruption und agiles Stakeholder-Engagement auf der großen Bühne aussehen! Was manche als ‚Bum-Bum-Beat‘ bezeichnen, ist in Wahrheit das perfekte Best-Practice-Beispiel für synchrone Cross-Media-Performances und mutiges Out-of-the-box-Storytelling. Ein absoluter Deep Dive in die Future of Entertainment! #Innovation #AgileCulture #Disruption #ESC2026“

2026 – Dönerbuden-Soziolekt (Die Ali-Version):

„Ey Brudda, hast du gesehen diese ESC-scheiß gestern? Maximale Schwuchtel-Parade mit Glitzer, Wallah! Ich dachte erst, Fernseher hat Pixelfehler oder Kabel kaputt, die springen dort rum wie Hassan auf Speed nach der Shisha Party. Gesang war komplett Müll, Brudda, wie Katze, wenn du auf Schwanz trittst. Und die Beats? Jede zweite Shisha-Bar in Favoriten hat besseren Sound im Hintergrund laufen, isch schwöre dir bei Mama! Wenn ich so in meine Dönerbude rumschreie und hupfe, holt Ali direkt die Polizei, Digga!“


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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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