Es war einmal eine Zeit, da regulierte der menschliche Körper seine Kleidung nach einem verblüffend einfachen Prinzip: Physik. War es kalt, zog man sich etwas über. War es dunkel, nahm man die Sonnenbrille ab. Doch diese steinzeitlichen Reflexe sind im fortgeschrittenen Endstadium der Verdummung des Strafplaneten längst weg gezüchtet worden. Wer heute durch die Straßen spaziert, wohnt keinem Alltag mehr bei, sondern einer Wandergruppe aus einer geschlossenen Anstalt, die sich auf dem Weg zur Garderobe komplett vergriffen hat.
Das biologische Radarsystem der Spezies Mensch hat sich endgültig von den atmosphärischen Tatsachen entkoppelt.
Die drei Fraktionen des thermischen Totalschadens
- Die Michelin-Männchen der Tropenzone: Sobald das Thermometer verheerende 17 Grad plus anzeigt, bricht bei einer ganz spezifischen Klientel panische Schnappatmung aus. Junge Nachwuchs-Gangster marschieren im tiefsten Frühherbst auf, als müssten sie spontan eine dreiwöchige Nordpol-Expedition ohne Verpflegung überstehen. Tiefschwarze, mannhohe Daunenpanzer mit Kunstpelzkragen, in denen das eigene Achselschmalz bereits bei 80 Grad Siedetemperatur köchelt. Der Grund ist nicht das Wetter, sondern das fragile Ego: Kleidung dient nicht mehr dem Erhalt der Körperkerntemperatur, sondern als textiles Schutzblech gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. Was diese Herrschaften machen, wenn es mal wirklich minus fünf Grad hat? Mutmaßlich schrauben sie sich vier Heizstrahler an den Gürtel oder sperren sich gleich bis Mai in die 90-Grad-Sauna, weil der eigene Körper 20 Grad Außentemperatur bereits als arktischen Kälteschock interpretiert.
- Die Blindschleichen des Starkregens: Früher trugen Hollywood-Stars oder durchgefeierte Rockgrößen Sonnenbrillen in Innenräumen oder bei Bewölkung, um die glasigen Spuren eines dreitägigen Koks/Sauf Exzesses hinter getöntem Glas zu verstecken. Ein pragmatischer Zweck. Wenn heute jedoch Hans-Peter bei dichten Wolken, Nebel und strömendem Starkregen mit dunklen Gläsern durch die Fußgängerzone stolpert, hat das nichts mit Rausch zu tun – sondern mit kompletter Sinnesverdunkelung. Man sieht zwar selbst keinen einzigen Meter weit mehr und tastet sich wie ein blinder Maulwurf von Laternenpfahl zu Laternenpfahl, aber Hauptsache, das eigene Gesicht bleibt hinter dunklem Plastik verborgen. Es ist der visuelle Nebelscheinwerfer der Generation Selbstinszenierung: Ich sehe zwar nix, aber ich sehe verdammt wichtig dabei aus.
- Die tiefgekühlten Fleischklops-Giganten: Das exakte Gegenextrem zur Daunenjacke. Meistens massivere Zeitgenossen aus der Kategorie „Ich höre Hardrock und schneide mein Schnitzel mit der Axt“. Selbst bei knallhartem Frost und minus fünf Grad rollen sie in kurzen Hosen durch die Pampa. Die Behaarung an den Stramplern wird zur primären Isolierschicht umdefiniert. Während die Waden bereits die gesunde Farbgebung einer abgehangenen Blutwurst annehmen und die Kniescheiben beim Gehen hörbar einfrieren, marschiert man stolz wie ein antarktischer Eisbär durch die City. „Schaut her, mir kann die Natur genau nix!“ Dass die Gelenke mit 40 die Konsistenz von getrocknetem Mörtel haben werden, spielt keine Rolle – die Demonstration absoluter Schmerzfreiheit geht hier vor.
Das Fazit
Wir beobachten hier keinen Modetrend, sondern den schleichenden Verfall des gesunden Menschenverstands. Die Leute bewegen sich nicht mehr in der echten Welt mit echtem Wetter, sondern stapfen durch ihre ganz persönliche Kulisse im Schädel. Wenn der Innenraumthermostat erst einmal frittiert ist, wird der tägliche Spaziergang eben zur Absurditäten-Schau.
Man darf gespannt sein, wann die Ersten bei Glatteis in Badehose und Taucherbrille auflaufen – lange kann es jedenfalls nicht mehr dauern.
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