Die ABBA-Sause für 50 Euro: Wie man der Handy-Generation ein stinknormales Radio als „Ultimatives Spektakel“ verkauft

Man muss den Veranstaltern eigentlich ein Denkmal aufstellen. Was für ein betriebswirtschaftlicher Geniestreich! Das ganze Jahr über dröhnt aus den Boxen der Clubs eintöniger, monotoner Techno-Knorz, aufgelegt von DJs, deren größte künstlerische Eigenleistung darin besteht, im richtigen Moment nickend auf die Equalizer-Knöpfe zu tippen. Echte Klassiker? Gute Melodien? Fehlanzeige – dafür ist man sich in der gehobenen DJ-Elite natürlich viel zu fein.

Und dann kommt die Erleuchtung im Marketing-Büro: Man nimmt ein Genre, das seit Jahrzehnten auf jedem Dorffest, bei jeder Hochzeit und in jedem Radio rauf und runter läuft, packt eine durchgestylte Wandertour zusammen, schickt einen DJ samt Statisten-Truppe von Stadt zu Stadt und verkauft der erlebnishungrigen Meute einen Abend, an dem schlicht und ergreifend ABBA aus der Konserve läuft, als das unanfechtbare Party-Highlight des Jahrzehnts. 

Nachdem der Zirkus bereits in Deutschland die Kassen hat klingeln lassen, schwappt die Welle nun nach Österreich über. Facebook steht bereits voll davon, und sobald der Tross im eigenen Kaff Station macht, ist das Klientel sofort aus dem Häuschen – angeblich natürlich alles schon fast ausverkauft, um den Druck noch weiter zu steigern.

Der ABBA-Melkstand: Plastikmüll für die Handy-Zombies

Ein Blick auf die Preisstaffelung dieser Tour-Events zeigt das ganze Ausmaß der systematischen Volksverdummung:

  • Dancing Queen Ticket (29,99 € + 2,99 € Service): Ausverkauft! Der billige Lockvogel-Preis war natürlich sofort weg, um künstliche Torschlusspanik zu erzeugen.
  • Gimme Gimme Ticket (37,99 € + 2,99 € Service): Über 40 Euro Gesamtkosten für einen schnöden Stehplatz in der vollgestopften Bude – nur um Musik aus der Konserve zu hören.
  • Super Trouper Ticket (44,99 € + 2,99 € Service): Der „VIP-Eingang“! Damit die Möchtegern-Schickeria zwei Minuten schneller an der Bar steht, um dort das nächste überteuerte Getränk zu ordern.
  • The Winner Takes It All Ticket – Der „Fanliebling“ (49,99 € + 2,99 € Service): Der absolute Gipfel! Für knackige 53 Euro bekommt der kaufkräftige Party-Zombie kein Freigetränk, sondern einen LED-Blumen-Haarreifen und ein Gimme-Sammelband aus feinstem China-Plastik!
  • ABBA Fan Bundle („5 feiern, 4 zahlen“ für 179,96 € + 14,95 € Service): Fast 200 Euro, um die komplette Mädels-Truppe geschlossen mit Leucht-Plastik auszustaffieren.

Gogo-Tänzerinnen auf Sparflamme & Micky-Maus-Gleichschaltung

Als optisches Krönungsspektakel stellt der Veranstalter neben den DJ noch vier Tänzerinnen auf die Bühne – die man früher schlicht Gogos genannt hätte. Ausstaffiert in Glitzershirts und Schlaghosen bewegen sie auf der Bühne synchron die Lippen zum Playback, ohne dass auch nur ein einziger echter Ton aus ihren Hälsern kommt.

Die Mitschnitte von den vergangenen Tour-Stopps zeichnen dazu ein Bild, das an lächerlicher Absurdität kaum zu übertreffen ist: Die Mädels im Publikum tanzen, springen im Kreis herum und kreischen alle Refrains im Chor mit, als hätten sie ABBA gerade erst vor fünf Minuten zum allerersten Mal im Leben entdeckt.

Fast jede Zweite hat diese dämlichen LED-Leuchtdinger im Haar stecken, die wie mutierte Micky-Maus-Ohren aussehen, und fuchtelt mit bunten Leuchtstäben in der Luft herum. Das ist optische Gleichschaltung Super-Deluxe!

Während sie sich gegenseitig im Sekundentakt filmen, wird das Smartphone zum eigentlichen Hauptdarsteller des Abends. Die billigen Leuchtkörper dienen dabei ausschließlich als visuelles Signal für die Frontkamera, damit in der nächsten Instagram-Story auch ja auffällt, dass man gerade über 50 Euro für das eigene Ego verbrannt hat.

Das RYE-Prinzip auf Heimatboden: Es ist genau dieselbe Marketing-Verdummung wie beim Hype um das RYE in New York. Sobald der künstliche Hype-Zug rollt, schaltet das Gehirn der Masse komplett auf Durchzug. Der Drang, überall dabeizusein und das digitale Stempelheft zu füllen, schlägt jeden gesunden Menschenverstand.

Mein Abriss dazu: https://www.strafplanet.com/rye-in-soho-new-york/

Fazit: Das ultimative Verblödungsspektakel

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Früher ist man für gutes Geld auf ein echtes Live-Konzert gegangen – und selbst wenn es nur eine ehrliche ABBA-Coverband war, standen dort echte Musiker auf der Bühne, die live geschwitzt und gespielt haben.

Heute lässt man die durch choreografierte Jugend zu einer dreisten Vollplayback-Konserve antanzen. Die verblödete Meute zahlt Unsummen an der Kasse, um auf der Tanzfläche ihr eigenes Konzert zu singen, während vorn auf der Bühne ein paar stumme Statisten in Glitzerfummeln den Mund auf- und zumachen.

Der Name des Top-Tickets bringt die ungeschminkte Wahrheit unfreiwillig auf den Punkt: „The Winner Takes It All“. Der Gewinner ist eiskalt der Veranstalter, der sich über die gehirngewaschene Party-Herde schlapp lacht, während die Verlierer ihr eigenes Vollplayback-Konzert bezahlen, mit Micky-Maus-Leuchtohren am Kopf im Kreis springen und 53 Euro weniger auf dem Konto nach Hause dackeln.

Respekt an die Macher dieses ABBA-Zirkus – ihr habt die Herde exakt durchschaut und melkt sie nach allen Regeln der Kunst. Und woher kommt das ganze wieder. Na? Aus den USA natürlich die haben das Ganze schon vor 2 Jahren durchgezogen. 

Und an die Partymeute: Waterloo ist nicht nur ein guter Song, sondern die treffende Beschreibung für euren eigenen Verstand an der Clubkassa!

PS: Um gleich mal Missverständnisse auszuräumen, bevor die ersten Haltungs-Aktivisten wieder Schnappatmung bekommen:

Ich rede hier nicht von Eltern, die mit ihren Kindern dorthin pilgern, um der nächsten Generation echte Musikgeschichte und zeitlose Klassiker näherzubringen. Und ich rede auch nicht von Teenagern, für die so eine Nacht in der Tat ein echtes musikalisches Highlight darstellt.

Ich rede von der Heerscharen versnobbter, mittdreißiger Tussis, die das restliche Jahr über hochnäsig in irgendwelchen überteuerten Schickimicki-Clubs herumlungern, sich zu eintöniger Müllmusik den Aperol reinkippen und sich für die Speerspitze der Kultur schimpfen. Genau dieses Klientel steht jetzt plötzlich mit leuchtenden Micky-Maus-Ohren auf dem Kopf im Laden, grölt völlig enthemmt die ABBA-Refrains mit und filmt sich dabei pausenlos selbst für die eigene digitale Bestätigung. Man sieht es auf jedem einzelnen Video dieser Tour-Reihe!

Der Auslöser für meinen Abriss war übrigens die Werbung unseres lokalen Provinz-Clubs – Verzeihung, der Bude, die erst vor Kurzem aufgemacht hat –, die diesen durchgestylten Zirkus jetzt direkt zu uns veranstaltet. Natürlich rein als Abendveranstaltung, ganz ohne Kinder. Wer hier also immer noch glaubt, es ginge um ein ehrliches Generationen-Event für die Familie, hat den kommerziellen Melkstand dahinter schlichtweg nicht verstanden.


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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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