Ein Feldbericht vom Endstadium der Wohlstandsverwahrlosung
Ich geb’s zu:
Ich bin naiv.
Ich dachte wirklich, kurz vor Weihnachten noch schnell Skifahren zu gehen, wäre was Besonderes.
So wie früher.
Leere Pisten, klare Luft, dieser eigenartige Moment im Dezember, wo alle anderen in Einkaufszentren vegetieren und man selbst oben am Berg steht und sich denkt:
Passt. Genau dafür lebt man.
Tja.
Man kann sich auch irren. Gewaltig.
Was mich aktuell in Schladming erwartet hat, war kein Skiurlaub.
Es war ein dekadentes Irrenhaus in Schlabber-Designanzügen und Sonnenbrillen, ein Freiluft-Event für Menschen, die alles haben – außer Maß, Stil und Selbstwahrnehmung.
Hochsaison – obwohl eigentlich alle nächste Woche noch hackeln müssen?
Offenbar sind die Tage kurz vor Weihnachten im Dezember neuerdings staatlich verordnete Hochsaison.
Alle haben plötzlch frei.
Alle müssen plötzlich weg.
Alle plötzlich und gleichzeitig.
Ergebnis: Völkerwanderung, diesmal mit Skipass.
90 % Tschechen, Slowaken, Polen, der Rest Deutsche und Italiener – alle mit Familie, Kinderwagen, SUV und dem festen Willen, jetzt aber wirklich sich maximale Lebensqualität reinzuziehen.
Die schwarz-silber-dunkelblaue SUV-Dichte am Parkplatz war so hoch, dass man kurz dachte, man sei versehentlich bei einer Leasingmesse von Audi, BMW und Mercedes gelandet.
Geld spielt hier wie es scheint keine Rolle.
Das merkt man sofort.
Und genau das ist das Problem.
Pisten wie Schlachtfelder, Fahrstil wie Fluchtreflex
Wenig Schnee, also halbe Pistenbreite.
Engstellen, Umfahrungen über schmale Ziehwege, auf denen hunderte Menschen den Schnee zusammenschaben, bis nur noch eine spiegelglatte Eisrinne mit aufgeschobenen Kunstschnee (Pardon, das heißt jetzt „technischer Schnee“) Hügel bleibt.
Darauf:
– Anfänger, die irgendwie runterrutschen
– schlaksige Teenager im olivgrünen Schlabberanzug, die nur mehr Schuss fahren, weil Kurven anscheinend uncool sind
– dazwischen Kamikazefahrer mit offener Lebensverachtung
Kein Rhythmus.
Kein Flow.
Nur Stress, Ausweichen, Adrenalin – Skifahren als Überlebenssimulation.
Ich mittendrin, eigentlich mit dem Wunsch gepflegt zu carven, Linie zu fahren, Technik zu üben und zu spüren.
Stattdessen: Daueranspannung, Eisplatten, permanente Kollisionsgefahr.
Spaßfaktor: quasi Null. Cortisolbildung: 100%
Die große Einheitsuniform der Geschmacklosigkeit
Und dann die aktuelle Skikleidung.
Egal ob Billigmarke oder Premium:
Alles schaut gleich aus.
Alles hängt.
Alles ist Sack.
Bei den Snowboardern ist es gleich Mega-Sack plus Sackhose.
Dort wird so viel Plastik in Bangladesch und Co. verwoben, dass man damit locker fünf Kinder einkleiden könnte – inklusive Zelt für den Sommerurlaub.
Stattdessen verliert sich in diesen Sackklamotten ein dürres Teenager-Gerüst mit Gizibart, während aus dem Rucksack eine mitgebrachte Soundbirne schreit und irgendein Musikmüll direkt aus dem Abflusskanal von Spotify plärrt.
Die restlichen Skiklamotten von Topmarken wie Bogner, Toni Sailer, Kjus & Co. – früher geschnitten für Menschen mit Körper.
Heute offenbar designt für formlose Volumen neureicher Leute.
Selbst für schlappe 1.500 Euro schaut man aus wie ein schlecht gepolsterter Müllsack mit Skibrille.
Stil?
Linie?
Figur?
Wegoptimiert.
Hauptsache teuer – wichtig ist nur, dass das Label gut sichtbar ist.
Klima egal, Realität egal – Hauptsache im eigenen Film
Wir haben hier 5 bis 10 Grad plus am Berg.
Sonne.
Kein Wind.
Eigentlich klassische Jacke-offen-Bedingungen.
Und trotzdem laufen Menschen mit Sturmhauben herum, als wären wir bei minus zehn in Sibirien.
Nicht einzelne – viele.
Auf der Hütte sitzen Männer in der Sonne, Jacken offen oder ganz ausgezogen.
Und mitten drin ein Teenager:
Daunenjacke. Stirnband. Kapuze.
Zusammengesunken wie ein Eskimo im Schneesturm – bei Frühlingswetter.
Das ist kein „mir ist halt kalt“.
Das ist komplettes Ausklinken aus der Realität.
Der Körper meldet längst: Alles okay, Frühling, Badehose kommt bald wieder…
Aber der Kopf lebt in einer Parallelwelt, in der Gefahr, Bedrohung und Schutzbedürfnis Dauerzustand sind – unabhängig von Wetter, Situation oder Vernunft.
Und genau da schließt sich der Kreis zu dem, worüber ich täglich spotte:
Diese links-woke Grundhaltung, die permanent gegen die Wirklichkeit isoliert, lieber fühlt als prüft, lieber glaubt als schaut, lieber schützt als lebt.
Die Sturmhaube bei Plusgraden ist kein Modefehler.
Sie ist ein Symptom.
Alle sind da – aber niemand wirklich.
Und natürlich sind alle online, tippen kollektiv auf ihre Handys.
Die Frage, die ich mir dabei immer stelle:
Mit wem zum Henker schreiben die eigentlich – es sitzen doch alle relevanten Leute direkt neben ihnen?
Hütten als akustische Umweltverschmutzung
Drinnen – oder draußen auf der Sonnenterrasse – dann das nächste Kapitel Strafplanet.
Musik.
Oder besser: rhythmischer Dünnschiss, dass dir schlecht wird.
Proleten-Techno mit Texten auf intellektuellem Kellerfensterniveau.
Es geht nur noch ums Saufen und Ficken – nicht lustig, nicht ironisch, nicht augenzwinkernd.
Nur noch primitiv.
Saufi, Saufi, Ficki Ficki, UZA UZA UZA.
Kernaussage – egal ob von Mann oder Frau gesungen:
Ich sauf dich mir schön und brauch dich nur für genau eine Sache.
Und das Witzige:
Kein einziger, der sonst bei jedem Schaas in den sozialen Medien hyperventiliert, stört sich hier beim kollektivem Vernichten daran.
Plötzlich ist alles erlaubt, keine Tabus, keine pseudomoralischen Belehrungen von Feminist*innen, solange es laut genug ist und Umsatz bringt.
Moral ist offenbar hüttentauglich dehnbar und verschwindet mit jedem Schnaps immer mehr ins Nirvana.
Die Gastro-Spaltung: oben Fraß, unten Absolution
Die Gastronomie ist hier zweigeteilt wie die Klassengesellschaft unseres Krankensystems.
Oben auf der Hütte – kulinarisches Endlager
Oben am Berg gibt es kein Essen mehr.
Es gibt nur noch industriell gefertigte Füllstoffe für Event-Touristen.
Burger. Pizza. Pasta.
Frittiertes. Zucker. Noch mehr Zucker.
Kaiserschmarren, Germknödel – angeblich traditionell, in Wahrheit Industrieware aus der Dose, aufgewärmt, auftrappiert und hingeklatscht.
Materialwert: unter einem Euro.
Preis: 14,50 €.
Weil: Mit Berg- Aussicht.
Burger: ab 16 €
Schnitzel: 22 €
Salat extra – eh klar.
Das ist kein Kochen.
Das ist Massenabfertigung mit Alpenkulisse.
Unten im Tal – Qualität als Luxusabsolution
Willst du wirklich ordentlich essen – frisch, gekocht, handwerklich – dann geht das schon noch.
Aber nur unter einer Bedingung:
Du zahlst dreimal so viel. Sprich dein Kredit für diesen Kurztipp hat sich gerade verdoppelt!
Dann bekommst du den Genussraum.
Gaumenschmaus.
Leidenschaft.
Wohlfeile Namen bei den Gerichten
Backhendl-Salat: 25 €
Suppe: 11–14 €
Zander: 39 €
Schweinsbauch: 39 €
Filet: 58 €, Rib Eye: 63 €
Alles zuzüglich Beilage für schlappe 7-13 Euro/Beilage versteht sich
So viel wie früher ein Wocheneinkauf.
Dafür will ich aber, dass mir das Rind vor dem Servieren seine Kindheit schildert.
Das ist keine Gastronomie mehr, das ist moralischer Ablasshandel für Neureiche.
Oben wirst du mit Müll abgespeist.
Unten wirst du mit Anspruch abgezockt.
Die Wasserszene – Endstufe erreicht
Ein Vater bestellt Wasser – still und mit – um 10 € pro Flasche.
Trinkt ein paar Schluck.
Stellt sie weg.
Der Kellner bringt sie zurück.
„Nein.“
Der Kellner leert sie aus.
Zehn Euro.
Weggeschüttet wie Dreck.
Daneben eine Tochter, vielleicht zehn Jahre alt.
Designer-Overall. Schminke. Kunstnägel.
iPhone Pro.
Blick leer.
Das ist keine Kindheit.
Das ist die Vorbereitung auf „Tussi Deluxe mit innerer Leere“.
Anmerkung:
Wenn du hier günstig satt werden willst, kannst du zum lokalen Hofer (Aldi) pilgern, dir dort ein Dosenbier, ein Laugeneck und einen Eckerlkaas für schlappe 8 Euroletten ziehen und dich dann auf dein Zimmer verpissen.
Dazu gibt’s auf den Fernsehsendern die üblichen Verdummungs-Serien im Dauerfeuer.
Danach bist du von all dem Erlebten eh schon so müde, dass du spätestens um 17:30 einschläfst, nicht aus Erholung, sondern aus geistiger Erschöpfung.
Fazit
Der Schnee ist nicht schuld.
Die Berge sind nicht schuld.
Nicht einmal der Tourismus an sich.
Der Mensch ist das Problem.
Der moderne Skiurlaub ist kein Erleben mehr er ist Statusperformance.
Man ist da, weil man es sich leisten kann.
Man frisst, weil man zahlen kann.
Man wirft weg, weil man es kann.
Alles ist verfügbar.
Nichts hat Wert.
Schladming kurz vor Weihnachten ist kein Ort mehr der Ruhe und des Genusses.
Es ist das Endstadium der Wohlstandsverwahrlosung mit Skipass, Soundanlage und Kräuterseitling.
Ich stand mittendrin
und dachte mir nur noch:
Willkommen am Strafplaneten.
Winteredition.
All inclusive.
Wenn dir der Artikel gefallen hat, dir ein Schmunzeln, Kopfschütteln oder einen kleinen Nervenzusammenbruch beschert hat – genau so war’s geplant.
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