„Die absurde Verwandlung des Fitnessstudios zur Selbstdarstellungsbühne“
1. Eisen, Schweiß, Ehrlichkeit
Früher – wir reden hier von den 90ern – war ein Fitnessstudio so etwas wie eine Kathedrale des heiligen Eisens.
Der Besitzer: selbst Bodybuilder, Schweiß auf der Stirn, den er mit einem bunten Schweißband kaschierte. Arme, mächtig wie eine Anaconda, nachdem sie ein ganzes Wildschwein verzehrt hatte, und eine Brust wie eine Steinmauer. Er sah aus wie der Anzug von Iron Man – nur nicht rot-gelb, sondern in Solarium-Orange. Gekleidet mit einem Muskelshirt, das an ihm aussah, als hätte er den Tanga seiner scharfen Freundin übergestülpt, und einer riesigen Jogginghose, damit seine mächtigen Beine darin Platz fanden – so bunt, dass du beim Hinschauen sofort Zahnweh bekamst. Er schnaufte beim Gehen, wenn er kurz vor einem Wettkampf stand, und du zucktest zusammen, wenn er vor dir stand, um Luft zu holen. Zu sehr bestand die Gefahr, dass dich, kleines Würstchen, diese Maschine aus Knochen und Muskeln einsaugen würde.
Seine Frau: das fesche, stets durchtrainierte Püppchen hinterm Tresen, das dir nach dem Training den Eiweißshake hinstellte, als sei er die letzte Ölung für deine bemitleidenswerten Spaghettiarme. Ihre Jogginghose knallte so bunt und vor allem eng, dass sie uns allen die Augen aus den Höhlen trieb – nicht wegen der Farben, sondern weil man durch den Stoff hindurch ihren Hintern aus Stahl bestaunen konnte, der härter war als jede Hantelbank im Studio. Ihr Lächeln war legendär: wir wussten nie, ob sie es aus purer Freundlichkeit tat oder weil sie insgeheim über uns lachte – über uns Würstchen, die nach einem halben Jahr Training noch immer so aussahen, als hätte man uns in der Geburtsstation vergessen, Schultern nicht inklusive. Und wenn sie dir den Shake reichte, spürtest du die stille Demütigung gleich mit: bei ihr verwandelte sich das Pulver in Bauchmuskeln, bei uns in Flatulenzen und Selbstmitleid.
Kein Wellness-Schaum, kein Klimbim – nur Eisen, Schweiß, Testosteron und knackige Hintern.
Man betrat den Tempel, um Pudding in Kruppstahl zu transformieren – und wer nicht bereit war, Blut, Tränen und Schweiß auf der Bank zu lassen, der konnte gleich wieder heimgehen und den Stepper im Quelle-Katalog bestellen.
Heute betrete ich mein Studio und fühle mich eher wie in einer ukrainischen Oligarchen-Dependance.
Alles glänzt, alles neu, alles billig – eine Fitnesskulisse wie aus einer IKEA-Ausstellung, nur dass die Schrauben schon locker sind, bevor du dich hinsetzt.
Investoren haben übernommen – jene Sorte Menschen, die noch nie einen Bizeps gesehen haben, außer als Menüpunkt im Steakhouse. Für die ist Muskelmasse nur ein Synonym für Filetgröße.
2. Willkommen im modernen Studio:
Die Räumlichkeiten in den Heutogen Studios der Studioketten wie Fitinn, oder Smartfit oder Speedfit und wie sie alle heißen erinnern eher an einen russischen Gefängnis aus den 80er oder einen Berliner Underground Club als an ein modernes, freundliches und helles Studio. Die Wände werden heute alle schwarz gehalten darauf in grellen Gelb blöde Motivationssprüche wie: „Wachse über dich hinaus“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“. Willkommen im Gym-Gulag.
Fitnessstudios sind heute keine Wohlfühloasen mehr, sondern eine Mischung aus Kohle-Keller, LED-Bunker und Motivations-Gulag.
Spinde so klein, dass nicht mal ein Hamster seine Sporttasche reinbekommt – höchstens ein Schlüsselanhänger, wenn du ihn vorher faltest.
Langhantelstangen so dick wie Kanalrohre – ergonomisch, wie ein Gartenschlauch aus Blei. Wer damit trainiert, braucht keine Unterarme mehr, sondern eine Zange vom Installateur.
Maschinen, die enger zusammenstehen als syrische Flüchtlingsfamilien in einer Wiener Gemeindebauwohnung – du musst dich zwischen Gewichtsscheiben hindurchquetschen wie ein Zirkusartist beim Feuerreifen.
Drehkreuze am Eingang, die öfter streiken als die französische Bahn – manchmal denkst du, du stehst vor einem Kunstprojekt: „Warten auf Eintritt in die Absurdität“.
Und wenn der Kaffeeautomat nicht gerade leer ist, schmeckt das Gebräu, als hätte man den Filter durch den Axelschweis eines Ukrainischen LKWs Fahrers gedrückt. Das Ganze für den stolzen Preis von einem Euro – ein Euro für ein „Gratis-Extra“, das häufiger streikt als dein Bizeps nach dem Kreuzheben.
Die Toiletten? Natürlich auf „grün“ umgestellt: wassersparende Urinale, die dafür rund um die Uhr nach Ammoniak riechen. Klimaneutral, dafür olfaktorisch kriegsähnlich.
Das ist dann wahrscheinlich der „neue Trainingsreiz“:
Du hältst länger die Luft an, trainierst quasi Atemtechnik wie ein Apnoe-Taucher – nur ohne Ozean, dafür mit der Aussicht auf einen Kreislaufkollaps der auf der Intensivstation endet.
3. Die Frühschicht
Morgens um sieben folgendes Bild: ein paar Rentner, denen die Zeit so lang wird wie ihre Hämorrhoiden, und Damen im gesetzteren Alter, die zwischen Gerät und Tratsch pendeln wie Pendlerzüge im Schneckentempo – immer verspätet, aber nie wirklich auf Schiene.
Harmlos, ja – bis auf die eine Spezialistin:
175 cm groß, 40 Kilo schwer, die mit zwei Handtüchern gleich zwei Maschinen reserviert, als wäre sie die Alleinerbin von Arnold Schwarzenegger und hätte das Recht auf ewigen Gerätedoppelbesitz.
Sobald man ihr das Handtuch entfernt, sprintet sie heran wie ein Terrier auf Speed, fuchtelt, zetert, spielt Opfer.
Opfer der Physik, Opfer der Logik, Opfer der Realität – aber niemals Täterin.
Das ist das neue Fitnessmantra unserer Zeit: Nicht schwitzen, sondern leiden. Nicht trainieren, sondern klagen. Nicht Muskeln, sondern Mimimi.
Ich schwitze nicht, ich leide unter dir.
4. Nachmittags
Ab 16 Uhr verwandelt sich das Studio in eine Mischung aus Jugendzentrum und Shisha-Bar.
Dann übernehmen die Araber-Clans.
14 bis 20 Jahre alt, Frisuren irgendwo zwischen Alpaka, Autobatterie und frisch geöltem Schaf. Sie hängen in Rudeln an den Maschinen, nicht um zu trainieren, sondern um sie als Thron für ihr Handy-Posing zu missbrauchen.
Gepumpt wird nur am Ego – die Hantel dient höchstens als Kulisse für das nächste Snapchat-Video. Zwischen den Geräten stehen sie herum wie Platzhirsche im Zoo, laut, breitbeinig, palavern auf maximaler Dezibelzahl, als wäre das Studio ihr Wohnzimmer und der Rest von uns die ungebetenen Gäste.
Soundtrack dazu: Autotune-Rap, der klingt, als hätte jemand einen kränkelnden Muezzin durch einen Ventilator gesungen, gemischt mit Techno-Geballer, das selbst eine Betonwand in Depression stürzen würde.
Zwischendrin stolziert die Gattung Instagram-Prinzessin durch den Raum – durchgestylt wie im Hochglanzkatalog, Wearables bis zur Halskrause, der Blick starr ins Handy, als ob sie gleich persönlich einen Drohnenanschlag im Nahen Osten koordinieren müsste. Trainiert wird nicht wirklich – aber Hauptsache, die Herzfrequenz ist live mit Bali synchronisiert und das Selfie kommt im richtigen Filter.
Diese Insta-Babies trainieren zwar „hart“, aber das Resultat sieht aus wie ein Photoshop-Unfall: bis zur Taille Normalmaß, und dann plötzlich ein Hinterteil wie eine hydraulisch betriebene Sofagarnitur. Keiner weiß, ob’s von Transfetten, brasilianischen Chirurgen oder nur von genetischer Katastrophe kommt – sicher ist nur: natürlich ist da gar nichts.
Sie leben in ihrer Parallelwelt: Während die Rentner der Frühschicht wenigstens noch höflich grüßen, hat man diesen Prinzessinnen von klein auf eingeflößt, dass Grüßen Unterwürfigkeit bedeutet. Sie sind schließlich „toughe Business-Women“ – auch wenn ihre größten Assets südlich der Lendenpartie liegen. In Wahrheit sind sie die Gutmenschen 2.0: moralisch erhaben, aber unfähig, menschliche Wärme zu zeigen. Dafür aber mit viel Hintern – der letzte Rest Authentizität im ganzen Körper.
Und die Clan-Bubis? Die laufen dazu wie Statisten in einer schlechten John-Wick-Kopie herum. Harte Miene, breites Auftreten, aber das einzige, was sie wirklich stemmen, ist die Pose vorm Spiegel. Einer von ihnen marschiert im Zehn-Minuten-Takt in die Umkleide und aufs Klo – nicht, weil er muss, sondern weil er glaubt, dort seine Alpha-Präsenz in der Handy-Kamera zu zementieren.
Sie wurden darauf konditioniert, einzig Allah zu dienen, aber wenn daheim Mama an der Tür wartet und ihnen die Ohren langzieht, weil sie schon wieder zu spät kommen, schrumpft der stahlharte Studiokrieger in Sekunden zum winselnden Milchbubi. Aus der vermeintlichen Kampfmaschine wird das, was er wirklich ist: ein kleiner Bengel, der ohne WLAN und Taschengeld sofort kapituliert…
5. Gesellschaft im Brennglas
Das Studio ist längst kein Ort mehr, wo Muskeln wachsen – es ist ein Panoptikum der Gegenwart, ein Schaubühnen-Zirkus, in dem jeder eine Rolle spielt, aber fast keiner wirklich trainiert. (ja die gibt es vereinzelt schon noch)
Aber die Realität in 2025 sieht eher so aus:
– Die Rentner spielen Caféhaus: Sie blockieren Maschinen mit Handtüchern wie andere den Stammtisch mit der Zeitung, und bewegen mehr Luft beim Tratschen als Gewicht auf der Stange.
– Die Jugend spielt Clan-Macht: Rudelbildung, Posen, Lautstärke – in ihrer Fantasie Kalaschnikow-Brigade, in der Realität Jungs, die schon am Latziehen keuchen, als müssten sie ein Gebetsteppich-Diplom ablegen.
– Die Frauen spielen Instagram: Lächeln gefroren, Arsch implantiert, Wearables am Körper wie eine NASA-Mission, aber null Wiederholungen jenseits der Selfie-Taste. Training? Fehlanzeige. Hauptsache, der Arschwinkel stimmt fürs Reel.
– Und die Besitzer spielen Oligarchen-Monopoly: Kaufen, umstreichen, billig betreiben, wiederverkaufen. Noch nie eine Hantel gedrückt, aber Verträge pressen sie wie Zitronen.
Und wir – die letzten der alten Schule – stehen mittendrin wie Museumsexponate: die letzten Mohikaner des Eisens, Fossilien im Reich des Selfies. Wir wollen trainieren, wir wollen Fortschritt – die anderen wollen Theater. Ein Schauspiel ohne Drehbuch, aber mit Dauerabo.
6. Fazit
Das Fitnessstudio von heute ist nichts anderes als eine Selbsthilfegruppe für die Lüge, man würde an sich arbeiten.
Nur dass es stinkt, der Automat leer ist, und irgendeine Tante mit 45 Kilo glaubt, sie besitze gleich zwei Maschinen.
Von Eisen zu Investoren.
Von Schweiß zu Simulation.
Von Training zu Theater.
Und die Pointe?
Der einzige Muskel, der in diesen Studios wirklich wächst, ist der Selbstbetrug – mit einem Maximalgewicht, das keine Hantel je erreichen könnte.
Nachwort:
Die heutigen Fitnessstudios sind nichts anderes als Miniaturmodelle unserer komplett entgleisten, geistig entkernten Gesellschaft. Früher war alles bunt, hell und albern optimistisch – Neonfarben, die dir gute Laune ins Gesicht geprügelt haben, ob du wolltest oder nicht. Heute regiert das Dunkle, das Destruktive. Man verkauft dir Beton-Ästhetik und Schwarzlichtbunker als „cooles Understatement“. In Wahrheit ist es die Generalprobe für den wirtschaftlichen Gulag: Darkness meets Bullshit.
Schaut euch die Autos an – alle dunkelgrau, schwarz, matt. Früher hießen die Farben „Sommergrün“ oder „Korallenrot“, heute klingt’s wie „Titanium-Schiefer-Melancholie“. Und das wird dir dann als Eleganz verkauft.
Die Musik? Gleiches Spiel. Endlose Loop-Gedudel, technobeat-unterlegte Kinderreime, gequäkt durch Autotune-Stimmen, die so dünn sind, dass man glaubt, der Algorithmus selbst singt. Produziert für ein Publikum, das geistig längst den Stecker gezogen hat – und dafür noch Eintritt zahlt.
Und die Jugend? Die kauft diesen Scheiß auch noch. Sie nennen es „Vibe“, während sie mit 400-Euro-AirPods im Ohr durch die Dunkelkammer stampfen. Früher war das einzig helle Licht im Studio die Neonröhre überm Kraftraum – heute sind’s die AirPods.
In ihrer Sprache gesagt: Wir sind lost. Aber richtig lost. Und zwar mehrfach.




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