Warum Stellenanzeigen heute mehr verschleiern als erklären
Früher nannte man es Personalabteilung. Heute heißt es HR – und was dort als Stellenanzeige rauskommt, ist oft mehr Sprachvernebelung als Information.
Einleitung:
Es beginnt wie so oft: Ein „spannender Job“ wird auf LinkedIn ausgeschrieben. Gesucht wird ein „Produktmanager digitale Produkte“. Klingt konkret, oder?
Nur leider ist es das nicht. Denn was folgt, ist keine Beschreibung eines Jobs – sondern eine sprachliche Entgleisung zwischen Business-Neusprech, ideologischer Selbstvergewisserung und LinkedIn-Lyrik. Willkommen im Bullshit-Bingo der Moderne.
Die Anzeige (sinngemäß komprimiert):
Wir suchen jemanden, der die digitale Produktvision entlang der Unternehmensstrategie verantwortet. Du machst Marktanalysen, erkennst Pain Points, entwickelst Roadmaps, kommunizierst Anforderungen an interdisziplinäre Teams und definierst KPIs zur kontinuierlichen Optimierung der Nutzererfahrung. Außerdem unterstützt du UX-Tests, hilfst dem Content-Team und bist natürlich zentrale Ansprechperson für alle Stakeholder. Gleitzeit, gratis Kaffee, Klimaticket und Crew-Events inklusive.
Was soll das heißen?
„Wir brauchen jemanden, der Überblick hat und dafür sorgt, dass unsere Online-Produkte funktionieren.“ – Das wäre Klartext gewesen.
Stattdessen wird die Anzeige zu einem sprachlichen Tarnanzug. Nichts ist mehr greifbar. Jeder Satz klingt wie ein Zwischenbericht an die Europäische Kommission für digitale Selbstwirksamkeit.
Das Psychogramm der Verfasserin:
Wir sehen sie vor uns: Mitte 40, Rhetorikseminar-Veteranin, vermutlich mit Doppelnamen. Hat sechs Jahre „Kommunikation & Personalentwicklung“ an einer FH studiert, dann in der HR gelandet, jetzt zuständig für Employer Branding. Und diese Anzeige? Ist ihr kleiner Aufstand gegen die Sinnlosigkeit des Tages.
Sie denkt, sie sei der Spracharm einer neuen Arbeitskultur. In Wahrheit liefert sie Textbausteine mit Placebo-Effekt. Und während sie KPIs zur emotionalen Intelligenz misst, schrecken gute Leute schon beim zweiten Satz der Anzeige zurück.
Was hier wirklich passiert:
Stellenanzeigen werden nicht mehr geschrieben, um Menschen zu erreichen. Sie werden verfasst, um Sprachbilder zu bestätigen. Sie sind Ausdruck einer Generation, die sich nicht mehr traut, klar zu sagen, was sie braucht. Und sie schrecken damit genau die Leute ab, die es könnten: Nämlich die, die auf den ersten Blick verstehen wollen, worum es geht.
Die Jobs an sich sind oft sinnvoll, bodenständig, praxisnah. Aber die Sprache darum ist ein Reinigungsritual. Kein Wunder, dass niemand mehr „Produktmanager“ sein will – weil niemand weiß, was das heißt. Außer: „Du bist für alles verantwortlich, darfst aber nichts entscheiden.“
Fazit:
Wenn Klartext gefährlich wirkt, weil er nicht mehr ins People-&-Culture-Vokabular passt, dann haben wir ein größeres Problem als unbesetzte Stellen.
Die Rache der HR besteht nicht im Absagen – sondern im Schreiben dieser Anzeigen. Und sie trifft uns alle.




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