Was wäre, wenn jemand einen Konzern übernimmt – und aus Versehen bei Verstand bleibt?

Eine Abrissbirne aus der Rubrik Realität für alle, die noch brav an „Alternativlosigkeit“ glauben.

Stellen wir uns ein kleines, völlig unrealistisches Gedankenexperiment vor.

So unrealistisch, dass es eigentlich schon unter Fantasy laufen müsste.

Ein Märchen also. Aber kein Disney-Märchen, eher eines aus der Grimmschen Sammlung, nur ohne Happy End und mit deutlich mehr Betriebsräten.

Stell dir vor, ein Mensch mit scheiß viel Geld, Macht und besten Kontakten übernimmt einen Konzern wie Volkswagen AG – dass so jemand nicht von diesem Planeten stammen kann, versteht sich an dieser Stelle von selbst – und verliert dabei nicht augenblicklich Verstand, Rückgrat und Gedächtnis.

Im Gegenteil: Er erkennt sofort die vielen, über zwei Jahrzehnte liebevoll angehäuften und selbstverschuldeten Baustellen, die aus einem ehemals integren Industrieunternehmen eine hochkomplexe Fehlkonstruktion gemacht haben.

Einen Konzern, der heute weniger Autos baut als Narrative.

Der am Kunden vorbei produziert, an der Realität vorbeiplant und sich dabei selbst einredet, all das sei alternativlos. Ein kommendes Multimilliarden-Grab, das offiziell „Zukunft“ heißt, faktisch aber vor allem Aktionäre, Vorstände und Beraterkreise zufriedenstellen muss – koste es, was es wolle. Außer natürlich den zahlenden Kunden.

Unser Märchenheld aus Weit weit weg, erkennt: Das Problem ist nicht ein falscher Antrieb oder ein verpatztes Modell und auch kein Kommunikationsdefizit. Das Problem ist strukturell. Systemisch. Eingebacken wie ein Konstruktionsfehler, den man seit Jahren mit Marketinglack überpinselt.

Keine Sorge, das ist rein hypothetisch. In der Realität käme selbstverständlich sofort ein bestens mit der Politik vernetzter, hochbezahlter Berater herbeigeeilt und würde das Problem fachgerecht „beheben“. Also einordnen, moderieren, entschärfen. Nicht das Problem selbst, versteht sich – sondern den Menschen, der es erkannt hat.

Sollte dieser Berater wider Erwarten scheitern, gäbe es immer noch bewährte Alternativen. Der neue Eigentümer könnte plötzlich als „nicht anschlussfähig“, „instabil“ oder „realitätsfern“ gelten. Mit etwas Pech findet er sich schneller wieder, als ihm lieb ist – sinnbildlich mit Aluhut, Zwangsjacke und der beruhigenden Diagnose, er habe schlicht zu viel gedacht. Aber dazu später mehr. 😉

Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte.

Dieser Mensch hätte Geld, Einfluss, Schutz. Aber leider auch einen schweren Konstruktionsfehler: Er glaubt, ein Autokonzern solle Autos bauen. Gute sogar. Verläßlich perfekte Technik. Für Menschen, die sie fahren. Nicht für Analysten, ESG-Scorekarten oder Aktionärs-Yoga-Retreats in Davos.

Schon an diesem Punkt würde das System bereits leise husten.

Der neue Eigentümer würde nicht mit einer „Vision 2045“ beginnen, sondern mit einer Inventur der Absurditäten.

Aufsichtsrat? 
Warum sitzen dort eigentlich Menschen, die weder Autos bauen noch fahren, Kohle einsacken die jeden Hollywood-Schönheitschirurgen erblassen lassen? Dafür aber erstaunlich oft aus Politik, Parteiapparaten oder staatsnahen Strukturen stammen – also genau aus jenen Milieus, die dem Konzern zuvor „wohlgesonnen“ waren, Gesetze mitformuliert, Grenzwerte gedehnt oder Förderkulissen passend dekoriert haben? Warum werden Posten vergeben wie Trostpreise für abgehalfterte Politdarsteller, die man nicht mehr öffentlich gebrauchen kann, aber für ihre früheren Verdienste natürlich nicht einfach in die Arbeitslosigkeit entlassen möchte? Versorgungsposten nennt man das im Volksmund. In der Bilanz heißen sie „unverzichtbare Expertise in Sparten des offiziellen Dienstes“.

Berater? 
Weshalb kostet ein PowerPoint-Deck mehr als ein Kleinwagen, erklärt aber weniger als der Beipackzettel? Warum sind, obwohl die eigenen Büros mit Experten überfüllt sind, externe Berater seit Jahren Dauergäste, obwohl ihre Empfehlungen erstaunlich oft genau das fortschreiben, was ohnehin schon beschlossen war – nur mit mehr Buzzwords und exorbitanten Rechnungen?

Und dann die Quartalszahlen. 
Warum wird ein Industriekonzern geführt wie ein Junkie, der alle drei Monate seinen Rendite-Kick braucht? Warum zählt kurzfristige Aktionärsbefriedigung mehr als langfristige Produktqualität, während man gleichzeitig öffentlich von „Verantwortung“, „Nachhaltigkeit“ und „Transformation“ spricht, als wären das Naturgesetze und keine Marketingbegriffe?

Unser Märchenheld von weit, weit weg erkennt: 
Hier geht es längst nicht mehr um Autos. Hier geht es um Netzwerke, Abhängigkeiten und eine stillschweigende Arbeitsteilung zwischen Konzern, Politik und Kapitalmarkt jeder hilft jedem, solange das Spiel nicht infrage gestellt wird. Speziell der Kunde, also der der ein Auto kauft, soll davon so wenig wie möglich mitbekommen.

Das Erste, was verschwände, wäre diese gesamte Theaterkulisse. 
Keine „Transformation“, kein „Purpose“, kein „Wir nehmen die Menschen mit“. Stattdessen Schrauben, Metall, Haltbarkeit. Ingenieure bekämen wieder das Wort. Controller einen Platz mit Kopfhörern – weit weg vom Lenkrad. So wie es schon einmal war.

Dann kämen die Autos.

Keine rollenden Smartphones mit Lenkrad und Update-Zwang. Keine Sitzheizung im Abo, kein Software-Exorzismus aus der Ferne, kein plötzlich funktionsloses Fahrzeug, weil irgendwo ein Server schlechte Laune hat. Fahrzeuge, die man reparieren kann, ohne vorher einen IT-Priester, drei Freigabestufen und ein Firmware-Orakel zu konsultieren. Ersatzteile, die verfügbar bleiben, weil sie gebraucht werden, nicht künstlich verknappt, damit der Neukauf attraktiver aussieht.

Modelle, die zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre halten dürfen, ohne als „nicht mehr zeitgemäß“ beschimpft zu werden. Autos, die altern dürfen, statt absichtlich zu verrotten. Technik, die erklärt werden kann. Fehler, die man behebt, statt sie per Update zu verschieben.

Für den Konzern würde das bedeuten: weniger kurzfristige Verkaufszahlen, weniger Showroom-Feuerwerk aber etwas, das heute als altmodisch gilt und deshalb verdächtig ist: Kundenbindung durch Vertrauen. Kunden, die wiederkommen, weil sie wollen, nicht weil sie müssen. Eine Marke, die nicht über Moral verkauft wird, sondern über Verlässlichkeit. Weniger Marketing, mehr Substanz. Weniger Narrative, mehr Mechanik. Und vor allem Spaß an einem wertigen Auto und am Fahren damit.

Für die Kunden hieße das: Planungssicherheit statt Dauerabo. Besitz statt Leihverhältnis. Ein Auto als Werkzeug, nicht als pädagogisches Projekt. Kein schlechtes Gewissen beim Fahren, kein Dauerbelehrungsmodus, keine ideologische Bevormundung im Cockpit.

Kurz: Bezahlbare Autos für viele Menschen/Kunden. 

Nicht für Präsentationen, nicht für ESG-Raster, nicht für Investoren-Calls mit wohlklingenden Buzzwords und leerem Innenraum.

Und genau deshalb wäre das alles so gefährlich.

Und dann greift das System zur Harke und zur Mistgabel.

Nicht, weil jemand jetzt auf einmal schlechte Autos baut. Sondern weil jemand jetzt die Autos aus den falschen Gründen baut.

Zuerst melden sich die Analysten. 
Ruhig, sachlich, mit dieser Stimme, die klingt, als hätten sie den Kapitalmarkt persönlich erfunden. Man „verstehe die Strategie nicht“. Man sehe „Risiken“. Man warne vor „Wertvernichtung“. Wert meint hier nie Haltbarkeit, nie Kundenzufriedenheit, nie Vertrauen. Wert meint ausschließlich kurzfristige Rendite für Menschen, die das Produkt nie benutzen werden, sich aber nach Bekanntgabe steigender Aktienkurse mit feuchten Augen einen hundert Jahre alten Whisky einschenken und eine 350-Dollar-Zigarre aus einem kubanischen Sperrgebiet anzünden – als feierlichen Höhepunkt eines weiteren erfolgreichen Tages der Wertschöpfung.

Kurz darauf die Medien.
Immer besorgt, nie allzu böse. „Alleingang“, „gefährlicher Kurs“, „Isolation vom Markt“. Flankiert von der dezenten Mahnung, man entferne sich womöglich von Klimazielen, sozialer Verantwortung und dem moralisch Gebotenen. Nicht anklagend, versteht sich – eher sorgenvoll, wie ein Lehrer, der schon weiß, dass der Schüler enttäuscht sein wird.

Der Markt ist dabei ein sehr empfindsames Wesen, das ausschließlich in den Vorstandsetagen großer Fonds lebt und allergisch auf alles reagiert, was nicht nach Wachstum um jeden Preis riecht. Kunden kommen in diesen Artikeln höchstens als statistische Randnotiz vor – sofern sie sich überhaupt in eine ESG-konforme Fußnote einfügen lassen.

Dann die Moralabteilung. 
NGOs entdecken plötzlich ökologische, soziale oder ethische Defizite, die man jahrelang souverän übersehen hat. Jetzt aber sind sie ein Skandal. Jetzt müssen sie „aufgearbeitet“ werden. Natürlich nicht aus Sorge um Umwelt oder Menschen, sondern weil Moral ein wunderbares Druckmittel ist, wenn ökonomische Argumente nicht mehr greifen.

Parallel dazu beginnt die regulatorische Feinarbeit.

Neue Auflagen, neue Prüfungen, neue Berichtspflichten. Alles ganz neutral, versteht sich. Niemand verbietet etwas. Man überzieht es einfach mit einem Teppich aus Genderleitfäden, Diversitätsquoten, Haltungserklärungen und sprachlichen Minenfeldern, bis jede technische Realität unter Begrifflichkeiten erstickt ist.

Plötzlich geht es weniger darum, ob etwas funktioniert, hält oder reparierbar ist – sondern darum, ob es korrekt benannt, ausreichend divers gedacht und moralisch einwandfrei begleitet wurde. Frauenquoten für hochspezialisierte technische Bereiche, in denen sich ohnehin nur eine Handvoll Menschen weltweit auskennt. Sensibilisierungstrainings für Schrauben. Haltungspapiere für Zahnräder. Realität wird zur Nebensache, Hauptsache der Prozess stimmt.

Niemand sagt: Das darfst du nicht.
Man sagt: So geht das heute nicht mehr.

Und während sich Ingenieure durch Formulare, Schulungen und Richtlinien kämpfen, die mit ihrem eigentlichen Beruf ungefähr so viel zu tun haben wie Lyrik mit einem Drehmomentschlüssel, passiert genau das, was passieren soll: nichts.

Stillstand durch Erschöpfung!

Und irgendwo im Hintergrund werden Gespräche geführt. Leise, freundlich, vertraulich. Hinweise, dass man sich „nicht verrennen“ sollte. Dass man „Verantwortung trägt“. Dass man „das große Ganze“ im Blick behalten müsse. Das große Ganze ist dabei erstaunlich oft identisch mit den Interessen jener, die vom Status quo hervorragend leben.

Niemand wird dabei offen sagen: Hör auf, gute Autos zu bauen.

Alle sagen: So geht das aber nicht.

Und spätestens hier wird endgültig klar, worum es wirklich geht.

Dieses System hat kein Problem mit Innovation. Es hat ein Problem mit Abweichung der etablierten Norm.

Kein Problem mit Technik. Ein Problem mit Prioritäten.

Kein Problem mit Wandel – solange er kontrolliert, verwertbar und renditekompatibel bleibt.

Wer den Kunden in den Mittelpunkt stellt, stört die Ordnung.

Wer Haltbarkeit vor Wachstum setzt, gilt als Risiko.

Wer Vertrauen statt Abhängigkeit erzeugt, gefährdet Geschäftsmodelle.

Und deshalb ist dieses Märchen auch so verdammt unrealistisch.

Nicht weil es technisch unmöglich wäre.

Sondern weil es systemisch aktuell unerwünscht ist.

Denn ein Konzern, der wieder für Menschen arbeitet, wäre der Beweis, dass all das andere nie alternativlos war – sondern nur bequem.

Und Beweise sind das Letzte, was ein System duldet, das von Erzählungen lebt.

Und genau hier fällt die Maske.

Dieses System ist nicht dafür gebaut, gute Produkte hervorzubringen. Es ist dafür gebaut, Renditen für einen erlauchten Kreis zu sichern, Macht zu konservieren und Abweichler zu markieren. Kundennutzen ist erlaubt, solange er sich sauber monetarisieren lässt und dabei keinerlei Besitzverhältnisse irritiert. Wer versucht, das Spiel umzudrehen, gilt nicht als Reformer, sondern als Risiko – der Beelzebub in Menschengestalt.

Zu diesem Spiel gehört auch die seit Jahren monoton wiederholte Beschwörungsformel, man müsse Produktion und Know-how auslagern, weil hier alles zu kompliziert, zu teuer und nicht mehr wettbewerbsfähig sei. Lohnkosten, Materialkosten, Standortnachteile – Buzzwords, die man der Öffentlichkeit eingebläut hat, um Renditeoptimierung als ökonomische Notwendigkeit zu verkaufen und Qualitätsverlust als Naturgesetz.

Die große Lüge lautet: Wie stellt ihr euch das alles eigentlich vor?

Die Wahrheit ist: Man könnte. Aber man darf nicht.

Nicht, weil es technisch unmöglich wäre. Nicht, weil Kunden es nicht wollten. Sondern weil ein dichtes Geflecht aus Kapital, Politik, Medien und moralischer Dauerbeschallung jeden aussortiert, der die falschen Prioritäten setzt – leise, effizient und mit bestem Gewissen.

Das ist kein Text über Autos.

Es ist ein Text über ein System, das sich selbst für alternativlos hält – und genau deshalb jede echte Alternative bekämpft.

Wer das einmal verstanden hat, sieht Werbung, Bilanzen und „Zukunftsoffensiven“ mit anderen Augen. Man hört andere Worte, erkennt andere Muster, durchschaut andere Versprechen.

Und genau deshalb wird dieses Gedankenexperiment niemals Realität.

Nicht, weil es naiv ist.

Sondern weil es zu gefährlich wäre.

Zumindest für jene, die von diesem Märchen sehr gut leben.

Und falls jemand nun glaubt, diese Geschichte habe ausschließlich mit Autos, Motoren oder einem einzelnen Konzern zu tun: keine Sorge. Wie bei allen guten Märchen lassen sich die Rollen problemlos austauschen. Die Kulissen ändern sich, die Namen auch – das Drehbuch bleibt dasselbe.

Aber das ist natürlich ebenfalls rein hypothetisch.


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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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