Feldbericht aus einem alpinen Irrenhaus 2026

Ich fahre Ski, seit ich ein Kind bin.

Ich kenne volle Tage, schlechte Fahrer, Wochenendwahnsinn.

Aber das hier ist neu. Das ist kein Andrang mehr, das ist Zivilisationsauflösung mit Skipass.

Es fängt schon vor dem Berg an.

Parkplätze um zehn Uhr dicht. Nicht „knapp“, nicht „sportlich voll“. Dicht. Ende. Wer danach kommt, kann wieder heimfahren. Freizeit nur noch für Frühaufsteher, Ortskundige oder Besitzende. Der Rest darf zuschauen und scheißen geh’n.

Am Lift dann die erste Kostprobe.

Sechser-Sessellift. Zwei lange, schlaksige Burschen, Anfang zwanzig, blockieren exakt den Engpass zwischen Drehkreuz und Einstieg. Arme seitlich ausgestreckt, mitten im Weg. Sie warten. Natürlich. Auf ihre Leute.

Hinweis von mir, dass man nicht im Nadelöhr wartet, wird mit urbanem Freiheitsgefasel beantwortet.

Einer grinst: „Na, Sie haben aber heute gute Laune.“

Ich sag’ zu ihm: Burschi, du hast keine Ahnung, wie ich bin, wenn ich wirklich schlechte Laune habe!

Wir steigen gemeinsam auf den Lift.

Und dann wird klar, womit man es zu tun hat.

Zwei maximal wohlstandsverwahrloste Söhne irgendeines reichen Unternehmers aus Berlin. Laut. Wichtig. Schmerzfrei.

Sie reden die ganze Fahrt über Autos. Nicht über ein Auto. Über den Fuhrpark.

Tesla eh super in Berlin, aber Urlaub? Nein, da muss man ja fünfmal laden.

Also fährt man halt mit dem Audi SQ6 zum Skifahren ins Ösiland.

Oder mit dem GLE. Den hat man eh auch noch, aber da fährt jetzt die Schwester mit. Und überhaupt: Allrad von Audi ist halt besser in den Bergen.

Zwei Mittzwanziger reden über 150.000-Euro-teure Autos wie andere über Rasenmäher und ob du beim Mähen eher ein Bier trinkst oder mähen lässt.

Oben sehe ich sie fahren.

All-Mountain-Ski, lang, wobbelig, Material für die Schussfahrer-Fraktion.

Und genauso war es dann auch. Kein Schwung. Kein Gefühl. Nur blöd Schuss fahren. Schnell, unkontrolliert, lebensmüde.

Fahrende Bomben mit Helm und Ego.

Und sie sind keine Ausnahme, sondern Programm in dieser Liga der wohlstandsverwahrlosten Gören. Apropos Wohlstand: Überall fette premium SUVs. Überall verwöhnte Kinder, biologisch oder mental.

Beim Anstellen wird nicht gedacht, sondern gestanden. Geglotzt. Blockiert.

Die ganz Schlauen – meist diese jungen schlaksigen Burschen – stellen sich gleich direkt zur Einstiegsstelle und sperren alles ab. Völlig schamlos. Völlig selbstverständlich.

Heute früh dann die nächste Eskalationsstufe:

Meine eigenen Landsleute. Niederösterreicher.

Menschen zwischen 40 und 60, die sich um zehn Uhr vormittags beim Lift kreuz und quer durch alle Menschen dort anbrüllen, als wären sie schon angesoffen. Sie halten das ganze Gelaber im Al-Bundy-Style für lustig. Ist es aber nicht. Es ist nur peinlich. Bundy war wirklich cool, hatte immer die richtigen Sprüche, das hier sind nur irgendwelche Familien-Prolls, die jetzt mal richtig Dampf ablassen wollen und dabei die ganzen Leute am Lift in verbale Geiselhaft ihres Schwachsinns nehmen.

Man sieht diese Spezies immer in den ganzen ATV-Sendungen oder im ORF bei “Am Schauplatz”, wenn sie bei den Ober-Prolls filmen, die sich durch ihr blödes Gelaber für gesellschaftlich aufgeschlossen und lustig halten.

Wäre alles kein Problem, doch sie alle rülpsen ihren geistigen Dünnschiss nicht mehr in normaler Lautstärke herum, sondern plärren, als hätten sie alle ein Hörgerät unterm Helm und wären derrisch. Und dann dieses unsägliche Gackern der Frauen, wenn sie über ihre eigenen Ansagen ganz viel lachen müssen. Kein normales, herzliches Lachen, sondern hysterisches Gackern.

Ich ziehe die Arschkarte und sitze im Lift zwischen zwei solchen weiblichen Exemplaren. Rechts plärrt die eine der links von mir sitzenden, irgendwas von Fieberblasensalbe durch meinen Gehörgang.

Antwort von links: Nein, sie hat irrtümlich ein Blasenpflaster benutzt.

Dann ein Mordsgackerer, dass dir die Trommelfelle flattern.

Wie gesagt: Diese Frauen lachen nicht mehr. Sie gackern. Laut. Schrill. Komplett sinnbefreit und triggern sich fast bei jedem Wort neu. Jetzt weißt du auch, warum Männer sie abwertend Hühner oder Chickas nennen. Das sind keine nett gemeinten Kosewörter. Das ist maximale Lebenserfahrung, basierend auf mehreren Gehörstürzen in deinem gebeutelten Eheleben.

Auf der Piste geht das Elend weiter.

Niemand schaut mehr. Niemand wartet mehr. Niemand denkt mehr.

Sie fahren alle einfach im Kollektiv los. Kreuz und quer, aber vor allem: immer im Blindflug. Eine fuhr einmal auf mich zu und schaute dabei die ganze Zeit auf die andere Seite.

Meine Analyse dazu:

Durch jahrzehntelanges Glotzen auf das Display deines Wischtelefons gibt es praktisch kein peripheres Sichtfeld mehr. Das wird insbesondere an den Pistenkreuzungen interessant.

Wenn du jemanden im 90-Grad-Winkel ihres Weges kreuzt, fahren sie trotzdem einfach weiter. Schauen nicht nach links oder rechts, fahren wie ein ferngesteuerter Duracell-Hase mit Tunnelblick, nachdem er sich den Kopf zwischen den beiden Tschinellen eingezwickt hat.

Szenewechsel: 10er-Kabinenbahn.

Zwei junge Freunde, schätze so um die 16, komplett vermummt: schwarzer Helm, schwarze Brille, Sturmhaube. Minus-15-Grad-Outfit, aber nicht im Endstück der Mount-Everest-Besteigung auf 7.900 Metern Höhe bei minus 30 Grad, sondern in der geschlossenen Gondel bei strahlendem Sonnenschein und plus 20 Grad.

Ich vermutete zuerst, dass sie an der Ausstiegsstelle den Liftwart überfallen oder eine der umsatzstarken Hütten dort ausräumen wollen.

Aber keiner der beiden, die aussahen wie Kampfdrohnen-Insekten, sagte auch nur ein einziges Wort. Dafür wurde geschrieben, getippt, gewischt und das versteckte Headset permanent nachjustiert.

G.I. Joes im Lift auf 1.800 Metern.

Apropos Outfit: Diese Outfitwahl komplett an der Realität vorbei ist keine gelegentliche Ausnahme. Eigentlich kannst du sagen, dass jeder männliche Teen zwischen 14 und 18 ein Realitätsabgleichsproblem fährt. Ich schätze, das hat etwas mit „Ich bin die obercoole Sau um jeden Preis“ zu tun. Aber was weiß ich als alter, weißer, cis-hetero-normativer Mann schon Bescheid …

Und dann die Hütten.

Preise sowieso jenseits von Gut und Böse.

Nur noch ausländisches Personal, das die einfachsten Bestellungen nicht checkt.

Du bestellst einen Radler. Es kommen zwei.

Du fragst, ob man ihn frisch zapfen kann, Bier und Sprite oder Almdudler gemischt.

Ja, ja.

Dann bekommst du ein Mischverhältnis von sechs Teilen Sprite und zwei Teilen Bier. Für schlanke 6,30 Euroletten.

Oder ein halbes Bier im 0,5-Liter-Glas und eine Flasche Almdudler extra.

Für dann schlappe neun Euro. Danke, verarschen kann ich mich selber.

Und das Bittere:

Alles passiert bei perfekten Bedingungen.

Schnee top. Temperaturen wie im Jänner. Eigentlich traumhaft.

Wenn du einmal ein freies Stück Piste erwischst, ist es wunderschön.

Genau deshalb hält man den Rest hier aus.

Aber klar ist:

Das hier ist kein Skifahren mehr wie früher. Das ist ein Zombie-auf-geborgten-Wintersportgeräten-Gemetzel, bevölkert von Menschen mit Ausrüstung, aber ohne Raumgefühl, Rücksicht oder Selbstkontrolle.

Willkommen im alpinen Irrenhaus 2026

PS: Und bevor mir jetzt die ganzen Erklärbären wieder entgegnen, dass man nicht zur Ferienzeit Skifahren geht: Das weiß ich selbst auch. Aber wenn deine Freundin als Lehrerin nur in den Ferien kann, dann wird die Auswahl wohl eng, oder?

Aber ich kann euch sagen: Das Irrenhaus geht auch nächste Woche hier so weiter. Danach kommen die ganzen Nordländer und Engländer zum kollektiven Besäufnis.

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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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