Die Illusion der eigenen Wichtigkeit

Warum Klimapanik und Lichtarbeit zwei Seiten derselben Selbstüberschätzung sind 

Es gibt zwei Sorten Menschen, die mich regelmäßig in ehrliches Staunen versetzen.

Die einen glauben ernsthaft, der Mensch könne den Planeten zerstören.

Die anderen glauben, sie selbst könnten ihn heilen.

Beide eint dieselbe Krankheit: eine groteske Überschätzung der eigenen Bedeutung.


Der Mensch als Mittelpunkt der Welt – ein Missverständnis

Fangen wir mit den Klimajüngern an. Diese Spezies steht bevorzugt in urbanen Betonlandschaften, hält Schilder hoch und erklärt der Welt, wir hätten „die Natur kaputtgemacht“. Und jedes Mal denke ich mir dasselbe:

Burschi, Mad’l.

Du warst noch nie wirklich draußen.

Nicht an irgendeinem Aussichtspunkt mit Geländer und Latte Macchiato. Sondern oben. Am Berggipfel. Dort, wo dich die Weite nicht tröstet, sondern entlarvt. Wo dein Körper begreift, was dein Ego hartnäckig verweigert: Du bist nichts. Kein Gestalter. Kein Hüter. Kein Player. Du bist nur Staub mit Meinung.

Die Natur ist kein Freibad, in das zwanzig Idioten reingeschissen haben und jetzt ist „alles hin“. Die Natur hat Eiszeiten, Vulkanausbrüche, und Massenaussterben überlebt. Und danach einfach weitergemacht. Ohne Pressekonferenz. Ohne Schuldzuweisung. Ohne einem fucking Förderantrag. Und ohne Leute wie dich!

Wir können lokal Schaden anrichten. Kurzfristig. Punktuell.

Und dann kommt die Natur und repariert das wieder. Oder besser, sie entsorgt uns gleich mit.

Sie braucht uns nicht.

Wir brauchen sie.

Und selbst das interessiert sie exakt null.


Von der Klimarettung zur Selbstheiligung

Genau diese Selbstüberschätzung wir sind zu mächtig, wir sind zu wichtig, wir müssen retten – ist der perfekte Nährboden für das zweite Klientel: die selbsternannten Heiler, Lichtarbeiter, Frequenzhalter und Quantenirgendwas.

Das Muster ist immer gleich.

Ein Mensch, sensibel, überfordert, nicht dumm, aber orientierungslos. Die Realität ist zu laut, zu hart, zu gleichgültig. Also wird sie nicht analysiert, nicht politisiert oder systemisch verstanden – sondern einfach hoch spiritualisiert.

Existenzangst wird zum Nervensystem-Thema.

Prekäre Selbstständigkeit zur Resonanzstörung.

Kein Geld zum blockierten Energiefluss.

Die Ursachen verschwinden. Die Symptome werden vergoldet.


Wenn persönliche Überforderung zur Berufung wird

Dann kommt der entscheidende Schritt:

Aus dem inneren Chaos wird eine Mission.

Aus der Überforderung eine Calling.

Aus der Hilflosigkeit eine Personal Brand mit Mission-Statement, Brandfarben und eingebautem Spendenlink.

Man nennt sich plötzlich Lichtarbeiter, (Certified Lightworker & Frequency Facilitator),
weil man im Dunkeln Angst hat und endlich einen Titel braucht, der größer klingt als die eigene Wohnung.

Man nennt sich plötzlich Heiler, (Holistic Trauma Release Practitioner & Energy Medicine Guide), weil man selbst keinen Halt findet, aber anderen dringend welchen verkaufen möchte.

Man nennt sich Brückenbauer zwischen den Welten, (Interdimensional Consciousness Connector & Quantum Integration Coach), weil man in dieser hier keinen Platz findet und das Scheitern eine kosmische Erklärung braucht.

Allesamt selbsternannte Senior Executives der eigenen Sinnkrise.

Andere sind gleich Multi-Level-Wesen:

Schamane, Mentor, Speaker, Raumhalter, Retreat-Leader und Podcast-Guru in Personalunion, alles unzertifiziert, aber mit Bio-Link, Buchungskalender und Frühbucherbonus fürs nächste „Transformations-Intensiv“.

Das wäre noch halbwegs harmlos, wenn diese Menschen ihre Selbstverzauberungnicht anfangen würden, als Erkenntnis zu verkaufen.

Meistens in YouTube-Videos mit Thumbnails voller Sternennebel und leerem Blick, oder auf Social-Media-Accounts, in denen sie sich Titel verleihen, für die man früher mindestens ein Studium, heute nur noch eine akute Sinnkrise gebraucht hätte.

Was früher Therapiebedarf war, heißt heute

„Transformational Work“.

Was früher Orientierungslosigkeit war, heißt jetzt

„Higher Calling“.

Und was früher schlicht Überforderung war, läuft heute unter

„Quantum Awakening Journey“.


Realität als Spielverderber

Und dann passiert das Unvermeidliche:

Die Realität widerspricht.

Kein Geld.

Keine Sicherheit.

Keine Entspannung.

Und statt zu sagen: Vielleicht ist dieses Spiel Bullshit, beginnt das große, selbstverliebte Mimimi.

„Ich habe so viel geheilt, so viel transformiert – und trotzdem kam nichts zurück.“

Ja. Überraschung.

Die Welt schuldet dir nichts für deine innere Arbeit.

Der Markt interessiert sich nicht für deine Frequenz.

Der Vermieter deiner Bude fragt nicht nach deinem Bewusstseinsgrad.

Und das echte Leben will keine scheiß Selbstfindungs-Zertifikate aus Tjiubutti sehen.


Die spirituelle Version von Selbstschuld

Besonders perfide wird es dort, wo Scheitern weiter spiritualisiert wird. Wenn es nicht läuft, liegt es nicht am System, nicht am Markt oder an realen Bedingungen – sondern daran, dass man „noch nicht sicher genug im Inneren“ ist. 🙄

Das ist keine Heilung.

Das ist neoliberale Selbstgeißelung mit Räucherstäbchen, Selfcare-Vokabular und der festen Überzeugung, dass Scheitern ein persönliches Energieproblem ist.

Sie glauben fest daran: Nicht das System ist krank, sondern du bist noch nicht genug geheilt.


Keine Demut, nur Kosmos-Geschwafel

Was mich daran nicht wütend macht, sondern eher fassungslos, ist die völlige Abwesenheit von Demut. All diese Leute reden permanent von Einheit, Verbundenheit und universeller Ordnung – und halten sich gleichzeitig für relevant genug, um „Felder zu stabilisieren“.

Für wen eigentlich?

Für einen Planeten, der uns jederzeit abschütteln kann wie lästige Schuppen?

Der Mensch ist kein Weltenheiler.

Er ist ein vorübergehender Zustand auf einem alten Gesteinsbrocken.


Apokalypse oder Esoterik – zwei Seiten derselben Medaille

Sowohl Klimapanik als auch Lichtarbeit entspringen demselben Irrtum:

Wir seien hier die Hauptfigur.

Nein, sind wir nicht.

Wir sind nur irgendwelche Statisten mit ganz viel Meinung und einem noch großerem EGO!

Wer das nicht aushält, flüchtet entweder in Apokalyptik oder in Esoterik. Beides ist letztlich dasselbe: ein verzweifelter Versuch, sich wichtig zu fühlen in einer Welt, die einen in Wirklichkeit nicht braucht.


Missverständnisvermeidung für Schnappatmige

Damit wir uns nicht falsch verstehen:

Das hier ist kein Angriff auf Spiritualität.

Im Gegenteil.

Bewusstsein ist real.

Achtsamkeit ist real.

Respekt vor der Natur, vor ihrer Komplexität und ihrer brutal perfekten Ordnung ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Die goldene Regel – was du nicht willst, das man dir tut – enthält mehr Ethik als tausend Coaching-Zertifikate und schließt die zehn Gebote gleich mit ein, ohne sie ständig zu zitieren.

Bewusstsein heißt:

nicht alles zu zerstören, nur weil man es kann.

Erkennen, reflektieren, lernen.

Demut entwickeln gegenüber etwas, das größer ist als man selbst.

Aber genau das lernt man nicht durch Abkürzungen.

Nicht durch Selbstzuschreibungen, oder durch wohlklingede Titel.

Nicht durch kosmische Fantasieabzeichen.

Bewusstsein entsteht durch Leben, durch Scheitern, durch Erfahrung, durch Widerspruch, durch Realität. Nicht durch Zertifikate, oder durch Selbstvergabe von Bedeutung und ganz sicher nicht durch das Überspringen der eigenen Lernkurve.


Ursachenforschung statt Selbstverzauberung

Der Unterschied zwischen Ursachenforschung und spirituellem Selbstbetrug ist simpel:

Der eine fragt, warum etwas passiert.

Der andere erklärt sich selbst zum Teil der Lösung, um nicht akzeptieren zu müssen, dass er vielleicht Teil des Problems ist oder besser: “schlicht irrelevant”.

Die Natur wird überleben. Die Realität wird bleiben.

Wer glaubt, all das überspringen zu können – Lernen, Reibung, Niederlagen, Selbstzweifel – und stattdessen der Welt sein angeblich angeborenes Talent zu verkaufen, ist kein Heiler. Er ist ein Verkäufer von Abkürzungen in einer Welt, in der es keine gibt.

Und Abkürzungen führen selten zur Erleuchtung – meist nur zurück zum Start.

AMEN


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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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