Bewerben im Irrenhaus – Wie die Arbeitswelt ihre Clowns selbst rekrutiert

Der moderne Arbeitsmarkt als Casting-Zirkus: HR-Priester richten über dich, Politiker jammern über Fachkräftemangel, und die Erbengarde nippt am Aperol Spritz.

Prolog: Wie alles begann

Bis 2020 war ich selbstständig im alternativen Gesundheitsbereich. Zwei Jahre Aufbauarbeit, Kurse, Klienten, langsam wuchs etwas. Dann kam Corona – und mit einem Schlag war alles vorbei. Termine gestrichen, Räume geschlossen, Existenzen ausgelöscht.

Da ich erst am Anfang stand, hatte ich keinen Anspruch auf Hilfe. Kein Härtefonds, kein Rettungsschirm, nichts. Also blieb nur der Gang zum AMS – nicht aus Bequemlichkeit, sondern um überhaupt überleben zu können.

Was ich dort erlebt habe, ist eine eigene Geschichte wert und ich werde sie euch ganz sicher mal erzählen, doch heute geht es um die Bewerbungsfarce am Arbeitsmarkt.

Aber nach dem ersten Antrag begann die wahre Tortur: die Bewerbungsorgie.

Vierhundert Bewerbungen später wusste ich: Das System ist kein Arbeitsmarkt. Es ist ein Spiegelkabinett aus Worthülsen, Algorithmen und Hybris.

Der Marktplatz des Schwachsinns

Wer heute einen Job sucht, betritt ein Paralleluniversum aus Phrasen, Buzzwords und Selbsttäuschung.

Kein Mensch sucht mehr Mitarbeiter – gesucht wird ein „Purpose-Driven Gamechanger mit Growth-Mindset“, der „diversityaffin, resilient und empathisch im agilen Umfeld performt“. Hinter solchen Anzeigen sitzen 27-jährige HR-Piloten, die selbst noch nie in einem echten Beruf gearbeitet haben, aber nach einem Online-Kurs in „People & Culture“ glauben, sie könnten die Welt erklären.

People & Culture – der Versuch, Gefühl in eine KPI zu pressen.

Ihre Texte lesen sich wie Placebos mit Gendersternchen: „Wir leben Wertschätzung“, „Du kannst dich auf uns verlassen“, „Kein Bullshit-Bingo“.

Natürlich ist genau das ihr Geschäftsmodell und die ganze Ausschreibung ist ein einziges “Bullshit-Bingo Feuerwerk”.

Ich habe darüber schon ein paarmal geschrieben.
Musketeer – Ritter im Dienste der Dose
EU-Jobausschreibung aus LinkedIn: Creative Writers gesucht

Das Bewerbungs-Fegefeuer

Du klickst dich durch Portale, füllst 18 Pflichtfelder aus, lädst PDF-Dateien hoch, schreibst Motivationsromane für Praktikantenjobs.

Dann: automatische Eingangsbestätigung.

Zwei Tage später: automatische Absage.

Oder gar nichts.

Recruiter nennen das „Candidate Journey“. Ich nenne es: ein digitaler Hindernislauf mit Arschtritt-Garantie.

Wenn du Glück hast, wirst du eingeladen. Gegenüber sitzt ein People-Manager mit MacBook, der deine Unterlagen zum ersten Mal sieht.

Er fragt: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

Ich: „Immer noch hier im Portal, beim Ausfüllen des Feldes Motivation.“

Er lacht unsicher, notiert „sarkastische Tendenz“ – und markiert mich als „Cultural Mismatch“. Übersetzt heißt das: Passt nicht in unsere Wohlfühl-Filterblase. Zu direkt, zu alt, zu ehrlich – in HR-Sprache: untrainierbar!

Das Psychogramm der neuen Recruiter

Die neue HR-Generation – kurz HR, also Human Resources, das moderne Wort für Menschenmaterial – erkennt man an drei Dingen: MacBook, Mission und moralischer Minderleistung. Die einzige „Ressource“, die sie wirklich managen, ist heiße Luft.

Sie reden von Empathie, während sie Lebensläufe löschen wie Cookies.
Sie feiern Diversität, aber nur innerhalb ihrer Bubble – echte Abweichung gilt als Störung.
Sie glauben an Wertschätzung – aber nur, wenn du ihnen dafür applaudierst.

Diese Leute verwechseln Arbeit mit Religion. Sie beten Buzzwords und opfern Erfahrung auf dem Altar der Selbstoptimierung.

Ihre Spezialität: Bewerber sprichwörtlich verdampfen lassen. Einfach weg. Kein Ton, kein Feedback – als hätte dich die Personalwolke verschluckt. In HR-Sprache heißt das dann „Ghosting“

Und wenn sie „Transparenz“ sagen, meinen sie: Wir sagen dir offen, dass du nie wieder etwas von uns hörst.

Darüber hatte ich schon mal geschrieben.
Wenn HR (Human Resources) zur Rache wird

Politik und Fachkräftemangel – das Märchen für Talkshows

Während Minister in Kameras jammern, das Land brauche „dringend Fachkräfte“, füllen sich die Jobportale mit Menschen, die genau das sind – aber von den allmächtigen Recruitern aussortiert werden.

Echte Facharbeiter, Lehrer, Techniker, Verkäufer, Handwerker – Leute, die hier geboren wurden, gelernt haben, eine fundierte Ausbildung besitzen und einfach arbeiten wollen – müssen heute betteln:

Oh Meister der ausgeschriebenen Bullshitfloskeln, erhöre mich mit meiner passenden Expertise! Amen.

Gleichzeitig importiert man halbstarke und aggresive Jugendliche aus arabischen Shithols ohne Ausbildung mit Marken-Jogginganzug und Iphones und nennt sie „zukünftige Fachkräfte“.

Diese Republik importiert Fachkräfte und exportiert ihre eigenen – in die Resignation. Das nennt sie dann stolz “Wirtschaftspolitik”.

Wer über 40 ist, gilt als unflexibel. Wer Erfahrung hat, ist zu teuer.
Und wer sich nicht in Diversity-Workshops wohlfühlt, ist „nicht kompatibel“.

So funktioniert Fachkräftemangel: als selbst erzeugte Statistik.

Die Elite als Gegenprogramm

Oben läuft es prächtig. Die Kinder der Reichen landen direkt im Management, weil Papa den Aufsichtsratsvorsitzenden kennt. Zwei Jahre Marketing in Papas Firma – einem Selbstläufer mit Firmengeschichte – drei Praktika irgendwo im Ausland, fünf Buzzwords im Lebenslauf – und schon bist du „Head of International“ bei einem Unternehmen, das so erfolgreich ist, dass es Kunden eher abwehrt, als neue zu gewinnen.

LinkedIn applaudiert, die Firmen feiern Diversität, und die Akteure klopfen sich gegenseitig auf die Schulter.

Unten schreibt man Bewerbungen, oben schreibt man die Posten gleich selbst aus.

Oben nippt die Erbengarde am Aperol Spritz auf der Dachterrasse, unten leert man wieder die Kaffeemaschine nach dem Bewerbungsgespräch – zwei Welten, getrennt durch Vitamin B und die Lüge der Chancengleichheit.

Das nennt man dann Leistungsgesellschaft – die einzige Disziplin, in der Herkunft als Leistung gilt.

Auch dazu hatte ich schon geschrieben.
Von der Wiege zur Chefetage

Fazit: Arbeiten im Strafplanet-Modus

Der Arbeitsmarkt 2025 ist kein Markt mehr, sondern ein Casting-Zirkus in der Manege der selbstgefälligen HR-Priester – sie richten über dich wie mittelalterliche Scharfrichter, die fest an Himmel und Hölle glauben, solange sie selbst im Himmel sitzen.

Die Bewerber liefern sich selbst ans System aus, HR predigt Empathie, Politiker schwafeln vom Fachkräftemangel, und die Elite erbt die Chefsessel – während unten Millionen schuften, um die Fehler der Erben auszubügeln.

Bewerben ist heute wie Lotto mit gefälschtem Ziehungsgerät: Du kannst alles richtig machen – nur es bringt dir nichts.

Wenn der letzte Purpose-Manager sein Passwort vergessen hat, der Praktikant den Drucker nicht findet und der Diversity-Beauftragte gerade seine Gefühle sortiert – dann braucht man plötzlich wieder Leute, die wirklich was können.

Dann stehen wir wieder da – die Überqualifizierten, die Abgewerteten, die Geduldigen.

Nur diesmal lachen wir, während sie hektisch nach Verantwortlichen suchen – und schicken ihnen diesen Artikel.

Betreffzeile: Cultural Mismatch.

Crescendo:

Nicht das leise Verklingen, sondern der laute Auftritt jener, die das System durchschaut haben.

Das Finale gehört uns.


Wenn dir der Artikel gefallen hat, dir ein Schmunzeln, Kopfschütteln oder einen kleinen Nervenzusammenbruch beschert hat – genau so war’s geplant.

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Tom Weber

Tom Weber – Beruf: Störenfried. Diagnose: chronisch allergisch gegen Heuchelei, Doppelmoral und staatlich geprüften Schwachsinn. Schreibt auf dem Strafplaneten über alles, was im offiziellen Irrenhaus als „normal“ gilt – und daher dringend untersucht werden muss

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