Wie du an einem Tag auf den Wexl Trails (Bikepark in NÖ) die ganz Wohlstandsverwahrlosung in Österreich erfährst.
Ich war am Wochenende wieder unterwegs. Nach zwei Jahren verletzungs- und faulheitsbedingter Pause schrie mein Propain Spindrift Enduro-Radl aus dem Keller plötzlich nach Frischluft. Also Reifen aufgepumpt, Bremsen gängig gemacht und ab auf die Wexl Trails. Was die Betreiber dort hingestellt haben – zweiter Lift, neue Trails, top Ausbau – verdient ehrlichen Respekt. Der Park ist geil, da gibt es nix zu diskutieren.
Aber was sich rund um die Strecken abspielt, ist die sommersportliche Verlängerung des Kitzbühel- und Schladming-Wahnsinns. Eine einzige, hochgezüchtete Ego-Show im Freiluftgehege der Wohlstandsgesellschaft.
Vom dreckigen Hobby zur Poser-Anstalt für Action-Cam-Junkies
Damals, als ich so um 2018 mit dem Trailfahren anfing, war das noch ein ehrlicher, dreckiger Sport. Auf meinem ersten Trail auf der Reiteralm hätte ich mich vor lauter Angst-Verkrampfung fast angeschissen – nach einer Stunde war ich bedient. Doch ich machte einfach weiter, biss mich durch und machte natürlich alles falsch, bis es schließlich Spaß machte. In der Pandemie wurde das Ganze dann plötzlich salonfähig – und heutzutage ist der Bikepark die sommerliche Anstalt für all jene, die ihr Ego weit über den gesunden Menschenverstand stellen.
Genau wie die Apfeljünger bei den komplett überteuerten Apple Rechnern für Surfen im Netz, gibt es hier eine ganz eigene Kategorie von Zeitgenossen: Egal welches Alter, Hauptsache mit dem sündhaft teuren Material saublöd irgendwo runterhetzen. Es geht überhaupt nicht mehr ums Fahren, die Natur oder das Gefühl auf zwei Rädern. Es geht darum, auf der Jumpline ein Video für Insta zu schießen. Dass man dabei mit einem Fuß schon im Landeskrankenhaus steht, wird für die Likes eiskalt weggesteckt. Dieses Wochenende hatte es wieder einer übertrieben und wurde mit Nackenrolle von oben abtransportiert. Die Krankenhäuser reiben sich die Hände.
Die Woom-Sekte und das nasal-wienerische Helikoptereltern-Gezische
Auf den Wexl Trails schlägt einem die neue Realität dann ungebremst ins Gesicht. Es ist das Mekka der stolzen Väter, der Horden aus Osteuropa und vor allem der überspannten Wiener Millennial-Eltern. Du hörst fast kein Wort Deutsch, aber wenn, dann überall dieses nasal-akademische Pseudo-Hochdeutsch aus dem Wiener Raum, wo die Erzeuger ihren G’schropp’n jedes Naturerlebnis bis zum Erbrechen zu Tode moderieren: „Maximilian, spürst du die Resonanz auf der Wurzel? Bitte spür die Traktion!“
Bei den Kleinkindern dieser Wichtigtuer siehst du ausnahmslos überteuerte Woom-Räder. Es herrscht scheinbar ein ungeschriebenes Gesetz: Wer sein Kind nicht auf einem sündhaft teuren Woom-MTB durch die Botanik hetzt, verliert sofort die Zulassung zum Bio-Laden im ersten Wiener Bezirk, wo sich die modernen Jungakademiker*innen zum Stelldichein und 15-Euro-Thai-Latte-Saufen treffen.
Wer nicht weis, was Woom Räder sind, darüber habe ich schon mal einen Abriss gemacht:
Mit 10.000 Euro auf der Jumpline im Weg stehen
Überhaupt scheint Geld im Land absolut keine Rolle mehr zu spielen – scheiß mich an, wo kommt die Kohle eigentlich her? Zehnjährige Stöpsel werden von ihren Erzeugern auf ein 10.000 Euro teures Santa Cruz gesetzt, während der Herr Papa selbstverständlich auch nur die allerfeinste Edelware unter dem Hintern hat. Alleine die Klamotten, die sie alle am Leib tragen, kosten mehr als mein City-Bike daheim.
Das Schöne daran: Weil alle wahnsinnig cool sein müssen, quetschen sich die Massen alle auf die Jumplines, um den dicken Otto zu markieren und sich gegenseitig für Insta in Pose zu schmeißen. Auf den restlichen Trails hast du dadurch freie Fahrt. Das Drama spielt sich erst wieder an den Sammelstellen ab: Dort stehen sie dann alle mit ihren Edel-Bikes mitten im Weg wie Falschparker auf der Mariahilfer Straße, bestaunen sich gegenseitig und studieren die Selfies auf ihren 1.200-Euro-iPhones.
Motorikschaden und Teller-Müll am Schnitzel-Buffet
Das absolute Highlight folgte im Restaurant: Ein etwa achtjähriger Bub – frisurentechnisch als auch im Gesicht nicht von einem Mädchen zu unterscheiden – saß vor seinem Schnitzel mit Fritten für schlappe 20 Euroletten. Der Stöpsel war motorisch schlichtweg nicht in der Lage, das Fleisch unfallfrei zu schneiden. Während er hilflos rumschnitt wie ein Legastheniker, schob er die Hälfte der Fritten stetig auf den Boden. Hat ihn das gekümmert? Natürlich nicht, wurde nicht einmal registriert. Nach drei Bissen wie eine Maus war der Herr fertig. Der Rest des sündhaft teuren Tellers ging unberührt zurück an die Küche. Hauptsache, man schwingt sich danach direkt wieder auf das 1.000-Euro-Woom-Kinder-Fully.
Fazit
Wir erleben hier die totale Wohlstandsverwahrlosung. Keiner hat angeblich Geld für die Miete, aber am Wochenende wird im Bikepark Kohle verbrannt, um der eigenen Blase zu beweisen, wie extrem cool man unterwegs ist.
Der Wahnsinn hat Methode. Und er fährt im Winter Ski und jetzt Mountainbike.
Amen.
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